Das hohe Ziel der Erkenntnis
by
Omar Al Raschid Bey

Part 1 out of 2







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Michael Pullen.







DAS HOHE ZIEL DER ERKENNTNIS

ARANADA UPANISHAD

VON

OMAR AL RASCHID BEY

HERAUSGEGEBEN VON
HELENE BÖHLAU AL RASCHID BEY


1912



DAS HOHE ZIEL DER ERKENNTNIS




Alphabetische Zusammenstellung der in den Text unübersetzt
aufgenommenen Sanskritworte.


adhyâya, Lehrabschnitt

âkâsha, Erscheinung. Grundbedeutung der Wurzel kâsh (kâs, kâç),
Licht, Schein; in Ableitungen und Zusammensetzungen: erschauen,
sichtbar werden, zutage treten, erscheinen.
* Derselbe Laut in derselben Bedeutung ist auch in slawischen Sprachen
erhalten (russisch: -------). Hierzu wolle man die philosophisch tiefe
Bedeutung des Wortes 'er-Schein-ung' in Betracht ziehen, wie solche
sich in weit auseinander liegenden Sprachstämmen vorfindet: '-------'
(swjet) russisch, bedeuted gleichzeitig Welt und Lichtschein;
ungarisch: 'villág' Licht, Schein und Welt; japanisch; 'atsútsuyo'
Schein und Welt etymologisch: erwachtes Leben). *
Danach wäre âkâsha 'Welterscheinung'. Zu dieser Grundbedeutung kommt
aber noch die weitere: 'Raumzeitlichkeit' hinzu. Diese ist in der
vedischen Literatur in einer Reihe von Stellen nachweisbar, welche
Stellen erst durch solche Duplizität der Bedeutung volle Klarheit
erlangen; siehe vor allem Brihad-âranyaka-upanishad 3,8 und die
Ausführungen im Oupnek'hat; dort spricht es Yâdschñavalkya mit
deutlichen Worten aus, daß âkâsha 'Raum und Zeit' bedeute und mâyâ,
das heißt 'Schein' sei.
* Im Gegensatz zu raum-zeitlicher Welt-Erscheinung wird das Wesen der
Welt als 'anâkâsham raumzeitlos' bezeichnet. Dazu hat sich die gleiche
Doppelbedeutung des Wortes auch im Pâli erhalten: 'avakâso' gekürzt:
'okâso' bezeichnet Raum und Zeit zugleich; 'okâsam karoti' heißt Platz
schaffen, Zeit und Raum finden. (An das Heraklitische: 'Urkörper ist
die Zeit' sei hier erinnert.)--So viel an dieser Stelle um die
Wiedergabe des Sanskritwortes âkâsha auf dessen Grundbedeutung
gestützt, nicht wie bisher üblich durch Weltraum oder Äther, wohl aber
durch 'Erscheinung'--zeiträumlicher Welterscheinung Urbestand,
sub-stantia, zu rechtfertigen; vergleiche
Nrisimhapûrvatâpanîyaupanishad 3: "darum soll man âkâsha als den
'Weltkeim' wissen".*

âranâda wäre etwa durch 'Sturmesausklang' wiederzugeben.

ashma hat die doppelte Bedeutung: Hammer und Ambos.

asmitâ, Ich-bin-heit. "Die Ichheit wird ein Wahn genannt, der uns an
ein eigenes Sein glauben läßt" Sâñkhya Kârikâ 24, 25.

âtmâ, Seele, etymol. Atem; das der Welt zu Grunde liegende Wesen:
brahma in der Erscheinung.--Die übliche Übersetzung: 'das Selbst'
ist zu verwerfen solange das Wort 'Selbstsucht' im ethisch
entgegengesetzten Sinne verwendet wird.

Bhagavat-gîtâ, das Hohelied der Gottheit, Episode aus dem
Mahâbhârasu-Bhagavadgîtopanihad, die vom Erhabenen verkündete
Geheimlehre.

bôdhisattva, der Erwacht-erkennende.

brahma, das dem Weltall zu Grunde liegende Wesen--Gottheit.

Brahma, der Gott Brahmá, das exoterisch zum Zwecke der Verehrung
persönlich aufgefaßte brahma.--Der Tag Brahmá = Evolution der
Erscheinungswelt.

Buddha, etymol. der Erwachte.

buddhi, Erkenntnis; etymol. das Erwachen.

dvandva, Paarzustände, Gegensätze.

dvandva vidya, die Lehre vom Gegensinn in der Erscheinung.

gîtâ, das Lied; siehe Bhagavadgîtâ.

himavat, Heimat des Schnees, ältere Form für Himâlaya.

gîtâ, das Lied; siehe Bhagavadgîtâ.

himavat, Heimat des Schnees, ältere Form für Himâlaya.

îshvara, der Herr, Gott.

kâma, Liebe, Trieb, Begierde (griechisch: --------). Die in der Upanishad
festgehaltene Verdeutschung durch 'Verlangen' rechtfertigt sich durch die
vielsagende Bedeutung des deutschen Wortes, welches eine
Unzulänglichkeit und aus dieser ein 'Langen' nach 'nicht-langen' ein
'daneben-langen' und daraus wieder ein 'etwas-zu-sich- haben-wollen'
--Verlangen nach Ergänzung.

karma, Tat und Taterfolg, Werk, Wirklichkeit; Gesetz der
Wiedervergeltung, ausgleichende göttliche Gerechtigkeit.

mahâtma, Großbeseelter, etymol. Macht-Atem.

Mâyâ, das Blendwerk der empirischen Realität; mayâ = durch mich, also
'mayâ mâyâ' = durch mich, mit mir ist Maya!

manas, Verstand, Urteil.

nirvânâ, Seligkeit, erloschenes Verlangen.

om, feierliche Bejahung, erfurchtsvolle Anerkennung; geistige
Vertiefung anstrebender, Heiliger Ausruf, mystische, das All
umfassende Silbe.

Pradschâpati, mythologische Personifikation der Schöpferkraft.

rishi, königlicher Weiser, Seher.

samsâra im Gegensinn zu nirvâna: Kreislauf der Erscheinungswelt, das
sinnliche Da-sein.

savitar, der Erreger: die Sonne.

upanishad, Geheimlehre, philosophischer Höhepunkt der Veden,
esoterische Erkenntnis.

Yavana, Jonier; gemeint ist Aristoteles.

der Veda, Sammlung indischer heilig erachteter Schriften; das
theo-sophische Wissen--Gottes-Weisheit.

* die mit Sternchen markierten Abschnitte bei der Erklärung des
Sanskritwortes âkâsha sind der 2. Auflage von 1917 entnommen. Es
handelt sich hierbei um zusätzliche Begriffserklärungen des Wortes.
Ansonsten ist die 2. Auflage identisch mit der ersten von 1912. (Anm.
F.R.)




Übersicht des Inhalts der Upanishad.

I. Einleitung.--Der Menschheit irdische Ziele.
Prüfung des aufzunehmenden Schülers. Das Leid der Welt; Frage aller
Fragen. Ungelöste Widersprüche. Der Weg zur Erkenntnis.

II. Ursprung. Erscheinung. Verkörperung der Welt--âkâsha
Zeiträumliches Dasein der Welt. Raum ist nicht in sich. Zeit ist nicht
in sich. Raum und Zeit sind eins. Zeiträumliche Verkörperung ist im
Ich.

III. Aus Ursprung der Welt: Verlangen--kâma
Weltschöpferische Kraft des Verlangens. Wille im Ich ist Zeit; Unwille
im Ich ist Raum. Ich-entzweiung: räumlich entgegenstehendes Verlangen;
Ich-zwiespalt: zeitlich wechselndes Verlangen. Verlangen ist nicht in
sich; Verlangen ist im Ich.

IV. Aus Verlangen: Tat. Wirklichkeit der Welt--karma
Ursache und Wirkung. Freiheit und Notwendigkeit. Tat und Duldung. Lust
und Leid. Kein Gesetz dem Wissenden. Das Trinken der Vergeltung.
Ausgleichende Gerechtigkeit der Gottheit. Alles Grauen dieser Welt
ruht auf Lust. Alle Wirklichkeit dieser Welt ist im Ich.

V. Aus Tat: Verstand und Urteil--manas
Urteil widerspricht sich im Raum; Urteil wechselt in der Zeit; Urteil
hebt sich in sich selbst auf. Urteil ist nicht in sich. Urteil ist
Willensausdruck. Es gibt kein Urteil--Urteil ist Ich.

VI. Durch Erkenntnis: Erwachen aus der Erscheinung--buddhi
Das Verlangen der Welten. Sinnes-wahr-nehmung, Mâyâ. Neigung.
Empfindung und Bewegung. Seele und Verkörperung. Das verlangende Ich
ist Weltschöpfer. Die Welt denkt nur Einen Gedanken. Das
weltschaffende Wort. Das Problem der Vielheit. Die letzte
Ent-täuschung. Ich-lose Erkenntnis. dvandva-vidya, die Lehre von der
sich selbst aufhebenden Welt. Seiend nicht seiende Welten. Traum und
Wirklichkeit sind wesenseins. Das Durchschauen der Welt; Bekehrung;
unio mystika. Vollendung in Gottheit--nirvâna.




VORWORT

Er, der dieses Werk geschrieben, ist gestorben vor der Herausgabe.
Weil sein Werk der Niederschlag eines ganzen Lebens war, konnte es
auch nicht beendet werden, bis dies Leben erfüllt wurde.
Das Titelblatt, worauf ich in der Eigenschaft als Herausgeber
genannt bin, fand sich im Manuskipt so entworfen vor, wie es hier
gedruckt ist. Es war schon vorbereitet in einer Zeit, als der Tod gar
nicht nahe war. Andere sollten aussäen, was in seiner Seele gereift
war.
Daß mir die Aufgabe zufiel, ist selbstverständlich. Seine Lehre
war Inhalt meines Lebens geworden. Ich hatte ihre helfenden und
gestaltenden Kräfte an mir lebendig gefühlt.
Wie von einem Strom ist meine Seele von diesem Werke getragen
worden, aus Einheit durch die Vielheit der Erscheinungswelt mit ihrem
Heimatsverlangen, wieder zurück zur Einheit.
In diesem Werke heißt es: Aus einer Quelle fließt: sich eines
Andern Seele nähern, sich von eines Andern Körper nähren.
Darüber ist gesagt: "Aus Verlangen und Nährung hat Brahma diese
Welt gebildet." "Darum lebt alles dieser Welt durch Nährung, durch
einver-Leibung, durch an-Eignung; darum lebt alles Ich durch ein
anderes und lebt kein Ich ohne nicht-Ich, und lebt alles Ich durch
nicht-Ich, seelisch und sinnlich.
Also beschränkt sucht Ich Unbeschränktheit, also unvollständig
sucht Ich Vollständigkeit, also unvollkommen sucht Ich Vollkommenheit,
also verstoßen, sucht Ich nach dem verlorenen Paradiese, also einsam
schreit Ich um Hilfe--es verlangt nach Allumfassen, nach
All-einheit, nach Vollendung,--nach Nirvana."
Tief wurde meine Seele von den Bildern des Verlangens dieser Welt
bewegt. Zu höchstem Einklang sah ich das irrende gequälte Verlangen,
dieser in Qual und Lust erbebenden Erschein-ungswelt sich vor meinen
Augen verwandeln. Eine Erlösung sondergleichen, von der Natur selbst
vollzogen. Trost und Ruhe stieg aus diesem Weke auf. Kein Wort traf
meine Seele, das übersinnlich zu werden trachtete, aber ein gewaltiger
Strom nahm die heimatlose Seele auf und trug sie unaufhaltsam einem
unaussprechlichen Ziele zu, vor dem jeder Gedanke und jedes Wort
umkehrt.
Mir schien dieses Werk wie eine Heimat und Zuflucht derer, die
sich scheuen vor jedem Wort und jedem Bild, das sich ihrer
Heimatssehnsucht erbarmen möchte.
Mit Naturnotwendigkeit fühlte ich mich über das unstillbare
Verlangen dieser Welt hinauswachsen, ohne Weltflucht--durch
Weltvertiefung, durch Versenken in die Welt der Erscheinung und des
Verlangens. "Anziehung und Abstoßung ist Verlangen, brünstige Wünsche
--inbrünstiges Gebet--Liebe wie Haß. Niederste Gier ist Verlangen
nach dem Höchsten."
Nichts ist zu niedrig, um nicht das Höchste zu bergen! Welch
erbarmungsvoller Gedanke!--Von diesem Standpunkt aus--eine
Heiligung sondergleichen der ganzen Natur. Ihre Geheimnisse und
Schrecken, wandeln sich in uns zum Höchsten, wir brauchen der Natur
nicht zu entfliehen; wir sind geborgen. Die Welt--zu Ende gedacht--
ist Erlösung.
Das ist der Standpunkt, von dem es mir möglich war, alles, was
diese Lehre mir bot, zu erfassen.
Und wenn ich mich frage: Was hat dem Werke, vordem es in die Welt
geht, so viel Macht gegeben auf jene Menschen, die ihm bereits nahe
traten, so mag es wohl dies sein, auf das ich hier hindeute, und was
einer der teuren Freunde, die mit dem Werke lebten, aussprach: "Es
wurde eine Heimat, ein Ruheplatz, wohin ich stets zurückkehren werde,
wo ich mich hingehörig empfinde, es wurde mir ein ureigenster Besitz."
Auch die Einheit dieses Werkes ist auf dem schweren Weg durch die
Vielheit enstanden. Seine Kürze ist die Tat langer Jahre eines Lebens.
Ich kenne den weiten Weg, ich durfte ihn mitgehen, der zurückgelegt
werden mußte, um solches Ineinandergreifen aller Teile zu schaffen, um
solche einheitliche Zusammenfassung aus dem Ganzen herauswachsen zu
lassen. Ich erlebte es mit, welch starke Verbindung schärfster
Verstandestätigkeit mit den Kräften seelischen Schauens dazu gehört,
um die schwierigsten Gedankengänge und ihre anfänglich unmöglich
erscheinenden Ergebnisse zu solcher Einfachheit der Vorstellung, zu
solcher Selbstverständlichkeit des Ausdrucks auszugestalten.
Es war ein langsames Schaffen; aber ein sicheres Wachsen, immer
aus dem Lebenszentrum, dem Ich-Punkt heraus. So entsteht ein
Naturgebilde.
Alles von der Natur Geschaffene stellt sich uns mit so sicherer
Selbstverständlichkeit dar, daß wir nur schwer dazu gelangen, seine
Bedingtheit aus unendlicher Zusammensetzung zu begreifen.
Alles Vereinheitlichte und darum Einfache ist schwer zu ergründen.
Das gilt auch für diese Schrift: sie lesen zu können--das ist eines
schwere Kunst und Wenige werden sich dazu hinringen.
Paracelsus sagt:
"Was unmöglich gesagt wird, was unverhofflich und gar verzweiflich
ist, wird wunderlich wahr werden und soll sich niemand verwundern über
den kurzen Weg und kurzen Begriff, denn das Viele ist die Quelle von
vielem Irrtum."
Wir lernten "das sich dazu hinringen" durch ihn selbst. Er war uns
der Pförtner, der uns das schwere Tor auftat.
Durch ihn empfanden wir, wie wenig alle Worte sagen, selbst seine
Worte, die nicht mehr nur Worte der Sprache sind, die zu tiefen
Bildern fast unsagbarer Dinge wachsen.
An der Bildung der Worte, der Enstehung der Sprache, waren, wie
bei allem Schaffen, die höchsten Ahnungen lebendig mit am Werke.
Diese ursprünglichen Ahnungen tiefster Wahrheiten scheinen
gleichsam durch die viel gebrauchten Worte hindurch, wachen wieder
auf, sprechen sich im Worte selber wieder aus, sobald die Sprache
schöpferisch behandelt wird.
Die kühnste Anwendung der Sprache deckt sich hier mit ihrem
urprünglich einfachsten Sinn.
Es ist, als ob nicht ein einzelner Mensch spräche, sondern als ob
der Geist der Sprache sein wissen von sich selbst offenbarte.
Der, der diese tief lebendige, wissende Sprache sprach, ging den
Weg seines Werkes. "Wortlos das Letzte" ist dort das Schlußwort. Er
hat auch davon uns noch ein Stück erfassen lassen durch seinen großen
Tod. In Schweigen versank die Sinnenwelt, das unaussprechliche
leuchtete auf, das gesucht, in sich und in allen Dingen, lebenslang;
verklärt fühlte er es nahen.
Dieses Buch ist seine Wegspur dorthin.--Zu Ende der Weg;
erreicht das Ziel;--wortlos das letzte.
Für mich ist es eine Notwendigkeit, ebenso gewollt wie schmerzlich
und doch freudig, den innig behüteten Besitz, der bisher nur still und
verehrt Nahestehenden dargeboten wurde, öffentlich hinauswirken zu
lassen in die große, dieser Lehre so fremde Welt, damit sie die
Wenigen finde, denen sie ihre Leuchtkraft mitteilen soll, die ein
inneres Recht auf sie haben.
Solche wird sie finden; ich weiß es, weil nicht ich allein die
heilsame Klärung im Wirrsal des Lebens daraus empfing. Ein Kreis von
Schülern und Verehrern hatte sich langsam um den zurückgezogenen
Denker versammelt.
Es lag mir nahe, Aussprüche der kleinen Gemeinde dem Werke
mitzugeben, eine wärmende Hülle von Liebe, die sich bereits darum
gebildet hatte;--scheint doch dies Werk auf den ersten Eindruck dem
gegenwärtigen Leben so fern, als sei es aus dem Weltenraum auf die
Erde gefallen; denn was aus Sehnsuchtsglut, die nie am Vergänglichen
Genügen fand, geboren wurde, ist wie von der Unendlichkeit, die für
uns nicht irdische Lebenwärme birgt, angehaucht.--Ich tat es nicht
und gab ihm nur meine große Liebe mit, die ihm durch ein Leben
gehörte.

Helene Böhlau al Raschid Bey.





DAS HOHEZIEL DER ERKENNTNIS
-- âranâda-upanishad --




I.
IRDISCHE ZIELE
-- samsâra --


So lautet die Upanishad:
om!
Auf das Geheiß des Verehrungswürdigen! Diese Unterweisung
niedergeschrieben zu Stambul, im indischen Kloster auf Akssarai,
begonnen am fünfzehnten Tag des Monats rebi ül evel im Jahre
dreizehnhundertundvier.

*

Der Verehrungswürdige spricht:
"Frieden sei aller Erscheinung!"
"Du hast, o Teurer, deinen Wissensweg fern von uns gesucht; hast
du, im Abendlande belehrt, des Wissens Ziel--: 'Befriedigung'
erreicht? Welches Begehren führt dich hierher?"
--"Verehrungswürdiger..."--
"Suchst du weitere Gelehrsamkeit oder verlangt dich, aus
Nichtigkeit hinaus, nach letzter Erkenntnis?--Erfasse es wohl! denn
unermeßlich ist, in allen Ewigkeiten und Unendlichkeiten unermeßlich,
was du--erkennend--erringst."
--"Verehrungswürdiger! Ein Schüler steht vor dir, das Holz zum
Opfer in der Hand..."--
"Nun wohl!... Was von großen Fragen bewegt dich?"
--"Das Leid auf Erden, o Herr! Die Unabwendbarkeit des
Verderbens, das Grauen und die Qualen der Geschöpfe--Woher ist der
Ursprung des Übels in unserer Welt?"--
"Ursprung des Übels? Hast du, o Teurer, was du so nennst, wohl
erfaßt und vermöchtest mit klaren Worten zu antworten?"
--"Keine Antwort, Verehrungswürdiger!"--
"Hat dich, o Teurer, dein Lehrer über den Sinn der Fragebelehrt?"
--"Verlangend war ich, o Herr..."--
"So hast du im Abendlande Wissen hierüber nicht erlangt?--Wer
von Lehrern dort gibt Antwort--letzte Erkenntnis, unwiderleglich?"
--"Unzureichend, Verehrungswürdiger, ist alle menschliche
Vernunft! der Widersinn der Welt ist unüberwindlich"--
"Dem ist nicht also, o Sohn!--Eines nur,--nur Eines... ist
unerkennbar..."
--"Verehrung sei dir, o Herr! Wie könnte sich selbst
Widersprechendes bestehn? Wie könnte Unerreichbares dem Wissen
erreichbar werden?--Fließt Übel und Böses aus der Gottheit, so ist
es von der Gottheit gewollt. Will Gottheit Böses, so ist Gottheit
böse. Wächst aber das Böse nicht aus der Gottheit, so ist es von der
Gottheit nicht gewollt und ist dennoch,--so ist Gottheit in sich
entzweit--zwei Gottheiten, die sich bekämpfen, widersprechen,
aufheben.--Der Widersinn ist unlöslich"--
"Dem ist nicht also, o Teurer!"
--"0 Herr! Woher ist Übel und Böses in der Welt? Warum ist Leiden
und Tod? Wenn es eine Antwort auf diese Fragen gäbe, so würden die
Wissenden von ihrer Wahrheit erfüllt sein; der Veda würde sie uns
lehren, die Gita, Yadschnaválkya, der Buddha, Badaráyana,
Shamkaratschárya, Lao-tse, Li-tse, die großen Lehrer des
Abendlandes..."--
"Dennoch ist es nicht also, o Teurer! dennoch ist es nicht also!"
--"Diese Fragen sind ungelöstes Geheimnis; es gibt uns Menschen
keine Antwort! Dies entgegne ich dir in Ehrfurcht, o Herr! Wenn aber
dem nicht so ist, so wolle der Erleuchtete mich hierüber wahrhaft
belehren."--
"Eines--o Teurer, ist unerkennbar--nur Eines!--und Schweigen
ist Antwort... Diese deine Fragen jedoch sind durchsichtig, tragen die
Antwort in sich."
--"Würdige mich der Belehrung, o Herr!"--
"Nahe liegt die Antwort, leicht ist die Antwort auszusprechen, mit
wenigen Worten ist die Antwort auszusprechen--weit der Weg, mühevoll
der Weg zu Erkenntnis..."
--"Weise mir den Weg, o Mächtiger! Laß die Erkenntnis überströmen
auf mich, deinen Schüler, der ich in Demut deine Kniee umfasse!"--

"Wohlan! Es sei! Tritt näher, fasse meine Hand; gebiete deinem
Herzen Ruhe und Ruhe den Gedanken."
"Möge uns die Stunde günstig sein! Möge der Geist der Upanishaden
uns leuchten."

"Fern von hier, in unsrer aller Heimat ruht das Feuer unter der
Asche des Herdes; der Mörser tönt nicht mehr unter den Händen
arbeitsfreudiger Mädchen; der Lärm des Tages schweigt; aufgestiegen
zum wolkenlosen Himmel ist der Opferrauch und heilige Elefanten
künden die Nacht..."
"Indessen von denen da draußen, die sich Menschen nennen, der
eine, gedankenlos wie ein Tier, sich dem Schlafe überläßt und im
Traume weiter nach zerrinnenden Freuden jagt,--indessen andere,
unfähig sich der Betäubung des Lebens zu entreißen, nichtige Reden
führen, verächtliche Künste anstaunen oder übersättigt und nie
befriedigt in Weibesarmen ruhen,--ist uns die Stunde gekommen, nach
dem Hohenziel des Menschen zu forschen.--Wohlan, o Schüler,
wiederhole deine Frage!"
--"Verehrung sei dir, o Fürst! Ursprung des Bösen, Ursprung von
Selbstsucht und Zwietracht, Ursprung des Unheils dieser Welt, Quell
alles Leides; Quell alles Widersinnes, alles Irrtums, aller Sünde
dieser Welt, Frage aller Fragen, nie gelöste Rätsel!--: Wie ist
sittliche Erkenntnis und Tat denkbar unter Herrschaft blinder
Naturgesetze? Wie ist freie Willensentscheidung des Menschen vereinbar
mit unabweisbarer Notwendigkeit alles Geschehens? Wie ist der
Gegensatz zu überbrücken zwischen Empfindung und Bewegung, Seele und
Körper, Gott und Welt?--Ich nehme meine Zuflucht zu dir, o mächtig
Beseelter! Weise mir den Weg ans Ufer der Erkenntnis--mir, dem
Suchenden!"--
"Wohlan!--Wisse dich aufgenommen, o Schüler! Schichte das Holz
zum Opfer... Folge meinen Worten; schweigend folge,--du betrittst
heiligen Weg. Folge mit offener Seele aus leicht verständlichem Beginn
von Stufe zu Stufe festen Schrittes zum letzten Ziele,--uns allen
bestimmt. Ich offenbare dir verhüllte Wahrheit--uralt heiliges
Wissen--Upanishad."

*

"O Teurer! Seit dem Tage Brahma stürmt unser Wohnsitz, die Erde,
unaufhaltsam durch den Weltraum. Der segenspendende, totbringende
Sonnenstrahl, mit jedem Augenblick rastlos vorrückend, weckt die
Scharen der Geschöpfe aus tiefem Schlaf zu kurzem Tagesbewußtsein. Sie
erwachen unter dem Einfluß des Erregers Savitar--und ihr erster
klarer Antrieb ist, sich Nahrung zu verschaffen, um das Leben weiter
zu fristen. Alsbald halten sie Ausschau nach einem schwächeren
Genossen, um ihn zu berücken und zu fressen.--Sie selbst haben es
sich so ins Herz gelegt: andere zu vernichten, um sich zu erhalten.
"Zu solchem Ziele ist jede Verschmitztheit, jede Frechheit, jede
List und Gewalt, jedes Unrecht erlaubt und geboten, und belohnt sich
auf der Stelle. Jede Unentschlossenheit, jede Abschwächung des
straffen, zielbewußten Willens, etwa aufkeimendes Mitleid, die
leiseste bessere Regung, rächt sich unmittelbar: der Fang ist
vereitelt und Hunger die Strafe. Darum Verdruß, wenn die Beute
entgeht, und Herzensfreude, wenn sie röchelnd am Boden liegt.--Kein
andrer Ausweg: um zu leben--erbarmungslos morden.--Einst wirst du
erkennen, aus welcher Tiefe solches fließt.
"So wird es ein gewohntes Handwerk, und seit Menschengedenken von
Vater auf Sohn vererbt. Niemand weiß es anders, jedermann übt es
unbedenklich aus, hält es lieb und wert, eignet sich willig die
nötigen Kunstgriffe an und zieht dann, wohl ausgerüstet, tagtäglich
nach lockender Beute aus.
"Sehr bald wird der Raubende den Unterschied gewahr zwischen dem
leicht und dem schwer zu erlangenden Fraß, zwischen der sicheren und
der gefährlichen Jagd, zwischen der wehrlosen und der wehrhaften
Beute, und er lobt das Eine und schilt das Andere, betrachtet das Eine
mit Haß, das Andere mit Liebe, nur sich im Auge. Was sich fressen
läßt, gefällt ihm und er nennt es gut; was sich nicht willig hergibt,
was widersteht, was gar ihn selber angreift, mißfällt ihm und er nennt
es schlecht und böse. Fressend hält er das Tun für löblich und recht,
doch selbst gefressen für unrecht und böse.
"Er trifft sonach sorgfältige Auswahl und vermeidet die Jagd auf
seinesgleichen, eingedenk, daß Solche Waffen führen wie er selbst: der
Kampf ist gefährlich, der Erfolg nicht sicher. Es ist geratener,
Schwächere zu bekämpfen, dem gleich Wehrhaften möglichst aus dem Wege
zu gehen; es ist vorteilhafter, sich mit ihm zu vertragen, gute
Nachbarschaft zu halten--Frieden und Freundschaft, wenn solcher
Nachbar, von gleicher Gier nach gleichem Ziel beseelt, zur Erlangung
des Fraßes mitbehilflich ist.
"Notgedrungen verbindet er sich mit Gleichgesinnten, jagt und
raubt gemeinsam mit ihnen, achtet auch das eingegangene Bündnis,
solange es ihm dienlich scheint. Bei guter Gelegenheit jedoch kehrt er
sich gegen seinen Bundesgenossen, entwendet dem Überraschten die
Beute, wiederholt das bequeme Spiel so oft als tunlich und knechtet
endlich den milderen oder minder schlauen Gefährten dauernd zu seinem
Dienste.
"Sein böses Tun trägt ihm gute Früchte. Durch Bündnis oder
Waffenstillstand nach außen leidlich gesichert, von Weib und Knecht im
Jagen unterstützt, gewinnt er Zeit zur Überlegung. Er beginnt an den
kommenden Tag zu denken und lernt allmählich sich die Nahrung für den
Notfall zu sichern.
"Er gewöhnt sich sein Gebiet bedachtsam abzujagen; er hegt und
erhält sich den Bestand nach Möglichkeit für die Zeiten des Mangels;
er schont das tragende Weibchen, sorgt für den heranwachsenden Wurf
und zähmt ihn, um ihn besser zur Hand zu haben. Was er nun ehrlich
erworbenes Eigentum nennt, behütet er sorgsam und schützt es
entschlossen gegen hungernde Mitbewerber; schützt seine Herden mit
Gefahr seines Lebens gegen fremde Fresser--zum Fraß für sich.
"So im Gefühle gesicherter Nahrung schaut er mit Befriedigung und
Wohlgefallen auf die anwachsende Herde und liebt sie mit aufrichtiger
Liebe. Erbarmungsloser Räuber und treuer Hirte! Beides wächst aus
derselben Wurzel und wird nur mit anderen Namen genannt--nur Worte,
bloße Lautverschiedenheit.
"Solchem Tun und Treiben haben sich seine Glieder, seine Sinne,
sein Hirn, seine Denkungsweise angepaßt, er hat seine Gewohnheiten,
seine Sitten, seine Gesetze darnach gebildet; er läßt sie sich nicht
abstreiten, überwacht sie eifrig, hält, was er sein gutes Recht nennt,
unentwegt aufrecht und erachtet es für heilig.
"Das Rauben und Morden ist allmählich in fest gehandhabte und
streng eingehaltne Ordnung gebracht, und alle Welt fügt sich freudig
dieser Ordnung. Was jedermann an sich selbst als grauenvoll empfindet,
wird dem Nächsten gelassen angetan. Es wird kaltblütig und mit Muße
gemordet und in sanften Formen gefressen. Es ist nicht mehr das
sterbende Tier im letzten vergeblichen Widerstand, mit brechendem
Auge, stöhnend, blutübergossen--nein, es sind gesittet zubereitete
Speisen und friedlich heitere Mahle. Es nimmt kein Vernünftiger Anstoß
daran. Der Schmausende weiß sich von niederer Begierde frei, von
unantastbarer Redlichkeit, auf der Höhe der Gesittung--und das Tier,
das sich Herr der Schöpfung fühlt, nennt sich--Erkenntnis in ferner
Dämmerung--Mensch, und seine Mitgeschöpfe--Nutzvieh.
"Nutzvieh sind ihm auch seine Weiber; er hat sie gegen Mitbewerber
unter Mühen erkämpft und hütet sie nicht ohne Not. Er überwacht sie,
bürdet ihnen alle Mühen auf und mißbraucht sie zu jedem Dienst; er
liebt sie, wie er seine Herden und seine Helfershelfer liebt. Er zankt
und spielt wieder, flätscht die Zähne und liebkost, schmeichelt und
läßt sich schmeicheln, liebt und verachtet, je nach Lust.
"Und das Weib fühlt sich Mutter,--sie gebiert und sieht im Kinde
sich selbst! Sie überschüttet den hilflosen Wurf mit der Liebe zu sich
selbst, mit verschwenderischer, hingebender Liebe--jederzeit bereit,
für ihr eigen Fleisch und Blut sich aufzuopfern.
"Der Erzeuger folgt zögernd der Mutter: pflegt, überwacht, erzieht
die Brut; lernt sie mit Gefahr seines Lebens schützen--ja in freudig
aufgenommenem Kampfe vergißt er sich selbst und opfert sich für sein
Kind. Was selbstlose Liebe heißt, ist auch in ihm aufgegangen. Er hat
sich, gleich der Mutter, in einem von ihm abgetrennten, einem fremden
Wesen--sich außer sich--wiedererkannt; hat sich geopfert, um sich
im Kinde zu erhalten--selbstlos aus Selbstsucht.
"Wie aus der Gier, sich bequemen Fraß zu sichern, Liebe zur Herde
floß, so fließt aus starrer Selbstsucht: --Aufopferung und
Selbstlosigkeit. Es ist dasselbe Tun und wird nur mit einem anderen
Namen benannt. Selbstsucht, zu Ende gedacht, ist Selbstlosigkeit.
"Dies ist einfach und erklärlich. Der du mich hörst, wiß' es: Dies
ist das Wunder aller Wunder,--ist Quell und Ursprung, Geburt aller
Gottheit, aller Welten, Geburt aller Welten--Vernichtung aller
Welten; Samsara--Nirvana.
"Die Welt ist Selbstsucht--Selbstlosigkeit unterliegt allüberall
und siegt unablässig; erlischt und flammt auf, vergeht und wächst, ist
und ist nicht--Nirvana in Samsara.
"So, o Teurer, können wir Menschen nachdenkend uns dieses
vorstellen.--
"Doch, wie ein Elefant, der den Stachel des Führers nicht fühlt,
vom Wege abirrt und über das Ziel hinausläuft,--so bin ich vom
Gedanken abgewichen und habe mehr gesagt, als ich zunächst sagen
wollte.
"Wie auch das Tun und Treiben der Menschen erscheine, welch' hohe
Bezeichnung es auch führe, welch' heiligen Namen es auch trage--in
diesem wirr verschlungenen Reigen ist nur Ein Gedanke, nur Ein Ziel:
das Leben, das eigene Leben!--Ich! Ich, das sich aus dem Fleisch und
Blut des Nächsten aufbaut,--ich, das von der Vernichtung des Anderen
lebt...
"Folgst du meinen Worten, o Teurer?"
--"Mit ganzer Seele!--Du hast, o Herr, die Entstehung
menschlicher Gefühle dargelegt, den Wechsel und Wandel der Gefühle,
die Umkehr des Gedankens und die letzte Grundlage alles menschlichen
Tuns!--Wolle der Verehrungswürdige nunmehr auslegen, wie in dem
Gesagten die Antwort auf unsere Fragen liegt?"--
"Ich lehre es dich, o Teurer, du aber verstehst mich nicht. Ich
habe es ausgesprochen, du aber hast es nicht gehört.
"Wohlan denn! Da ich zunächst von der Quelle redete, aus der alles
Tun fließt, ist dir nicht, o Teurer, der Gedanke aufgestiegen, daß es
näher läge zu fragen, nicht wie das Böse, wohl aber wie das Gute in
die Welt gekommen sei? Denn die Welt des Samsara ist durch Entzweiung,
ganz im Banne des Zwiespalts, not- und leiderfüllt, ganz im Banne
nimmer gestillten Verlangens, ganz im Banne ewig friedloser Tat, allen
Qualen preisgegeben, preisgegeben dem Tode. Wie in solcher Welt konnte
der Gedanke des Guten entstehen?
"Indessen wie das Böse, oder wie das Gute in die Welt gekommen
sei--beides sind müßige Fragen und die eine nicht besonnener als die
andere.
"Leicht zu durchschauen sind die Fragen, offen liegt die Antwort, nahe
Erkenntnis, weit der Weg.--Aus dem Dickicht aberwitziger Torheit
will ich dir den Elefantensteg treten, dich hinauszuführen zu
sonnenklarer Einsicht.
"Wie wenn Einer im pfadlosen Urwald irrend, vergeblich den
rettenden Ausweg sucht und bei sinkender Nacht, zu Tode erschöpft und
jedweder Hoffnung bar, sich zum Sterben zu Boden wirft--und
erwacht am hellen Tage und erkennt die Umgebung und sieht sich nahe
seiner Heimat--so erwachst du im Lichte der Erkenntnis und siehst
dich nahe dem urewigen Ziel.
"Ich führe dich aus blindem Wahn zu Erkenntnis, aus Todesgrauen zu
Seeligkeit, aus Verlangen zu Erfüllung--und leuchten möge uns das
Licht des Veda, das Licht des Veda!"

*

So lautet in Aranada-Upanishad die Prüfung; nunmehr die
Unterweisung: Akasha, dieser atmenden Welt Erscheinung.




II.
VERKÖRPERUNG DER WELT
-- âkâsha --


O Teurer! Zu dem, was ich dir zu sagen gedenke, behalte vor Augen:
Alle große Wahrheit ist gedacht, verkündet alles große Wissen; uns
bleibt uralter Weisheit nachzuleben.
Beachte wohl: Erkenntnis offenbart sich wortlos; die Upanishad, um
gehört zu werden, muß in Worten reden. Laß dein Verständnis nicht an
Worten haften; Worte sind Hindernis der Erkenntnis: denke und erfasse
über Worte hinaus.
Ehe wir zur Höhe ansteigen, gehen wir im Tale den betretenen Pfad
--glaube nicht zu schauen, ehe du dich dem Gipfel näherst. Wähne
nicht zu erkennen, ehe du den tief innersten Gedanken der Upanishad in
dich aufgenommen hast--: aller Welten Ziel: das Erwachen aus der
Erscheinung.

*

Also ist die erste Unterweisung:
-- AKASHA --
dieser atmenden Welt zeiträumliche Erscheinung.
Stelle dir vor, o Teurer, es umfasse die enge Klause, in der wir
weilen, die ganze Welt, und es sei kein empfindendes Wesen darin; was
wäre auszusagen?
Nichts; ohne Empfindung kein Urteil.
Du betrittst den Raum--und aus dem Nichts schafft sich Erscheinung,
Bewegung und Gestaltung; Körper, Eigenschaften, Kräfte, Wirkung,
Entfaltung, Leben in endloser Fülle und endlosem Wechsel; aus deiner
Empfindung--die Welt.
Alsbald erscheint dir dieser Raum groß oder klein, hoch oder
niedrig, hell oder dunkel, heiß oder kühl, schön oder häßlich oder in
irgend einer Beziehung deinen Sinnen erwünscht oder unerwünscht, und
zwischen diesen Gegensätzen alle Abstufung deiner Empfindung. Den
Boden, auf dem du stehst, fühlst du unter dir, die Decke siehst du
über dir; die Pforte, durch die du eingetreten bist, ist hinter dir;
vor dir, weiten Ausblick gewährend, der offene Bogen; diese
geschlossene Wand hier ist zur Linken, jenes die rechte Seite des
Raumes.
Dies sind Bezeichnungen, Urteile, die unbestreitbar scheinen,--
dennoch, sobald jemand dir gegenüber tritt, behauptet er, die Seite,
die du mit rechts bezeichnest, sei die linke, und nennt die Wand, die
du links nennst, die rechte. Beider Urteile können nicht zutreffend
sein; sie widersprechen sich, sind Gegensätze, die einander
ausschließen, zu nichts aufheben.
Hier geschieht das Wunder, daß eines mit einer bestimmten
Bezeichnung und gleichzeitig mit dem Gegenteile dieser Bezeichnung
belegt wird. Wer von den Urteilenden hat recht? Keiner--oder, wenn
du willst, beide. Die Wand ist beides: rechts und links, also auch
keines von beiden, weder rechts noch links.
Keine Lösung, auch wenn etwa der Gegenüberstehende zu dir
herüberträte und nun, in gleicher Stellung wie du, dir und deinem
Urteil beistimmte. Gesetzt, es traten noch mehr zu dir, einsichtige
Männer, gelehrte Brahmanen, solche, die sich für Wissende halten, und
alle waren eines Urteils: die bezeichnete Wand des Raumes sei die
rechte;--wenn von allen zahllosen Wesen seit Zeiträumen ohne Zahl
nie anders erkannt worden, wenn es ein ewiger Glaubenssatz der
Menschheit wäre und hieße frevelhaft daran zu rühren--die Wand
bleibt, was sie wahrhaft ist, weder das eine noch das andre, weder
rechts noch links.
Alle die, welche mit dir in der Benennung der Wand übereinstimmen,
stehen mit dir auf gleichem Stand, vertreten deinen Standpunkt, sind
deine Standesgenossen, nichts mehr. Wechselst du deinen Standort und
trittst dir selbst gegenüber, so widersprichst du dem eigenen Urteil:
aus rechts ist links, aus links ist rechts geworden.
Das Urteil ist in dir; an der Wand selbst haftet nicht ein Hauch
von den Unterscheidungen rechts und links. Wie der Schatten eines
vorüberfliegenden Vogels am Boden nicht haftet, so haftet nichts von
diesen Unterscheidungen an der Wand, in keiner Gestalt, in keinem
Sinne, weder offen noch verborgen, weder hier noch dort, weder heute
noch je.

*

Dies, wovon ich dir rede, ist selbstverständlich; folge mir
weiter.
Stelle dir vor, o Teurer, der Raum, von dem wir reden, sei
kreisförmig gezimmert. Du dürftest nicht mehr die ganze Wand, sondern
nur eine Stelle der Wand, eine einzige körperlose, nur in Gedanken zu
fassende Linie mit rechts oder links bezeichnen, und diese Linie würde
bei jeder Bewegung von dir, vor oder rückwärts schwankend, eine andere
Stelle der Wand treffen.
Sodann: denkst du dir, dem Gedanken weiter folgend, den Raum, von
dem wir reden, in den Hohlraum einer Kugel verwandelt und dein Stand
sei im Mittelpunkte dieser Hohlkugel, so trifft die Bezeichnung rechts
oder links je einen einzigen körperlosen, nur in Gedanken zu fassenden
Punkt, und jede leise Abweichung von diesem einen Punkt spielt schon
in fremde Verhältnisse hinuber: vorn, hinten, oben, unten. Jede deiner
Bewegungen, jeder Atemzug, jeder Herzschlag läßt die Unterscheidungen
rechts und links durcheinanderschwirren wie die Farben auf einer
Seifenblase, und du kannst, je nachdem du dich wendest oder beugst,
willkürlich jeden Punkt der Hohlkugel mit gleichem Recht und mit
gleichem Unrecht mit rechts und mit links bezeichnen.
Die Gegensätze rechts und links haften an dir, sie bewegen sich
mit dir, folgen dir, wenden sich mit dir; sie stehen und gehen, sie
ent-stehen und ver-gehen mit dir. Rechts und links ist da, wo du es
willkürlich hinverlegst, überall--nirgends.
In deinem Herzen sind die Auseinandertretungen, deine eigene
Schöpfung die Unterscheidung rechts und links; du überträgst eigene
Schaffung--Eigenschaft--aus dir hinaus, nichts mehr; an sich ist
kein rechts und kein links, einzeln nicht und zusammengenommen nicht.
Die Urteile heben sich gegenseitig auf, nichts bleibt--in dir allein
sind die Unterscheidungen.
Doch frage dich, o Teurer, wo bestünden in dir die
Unterscheidungen, wenn du dir vorstellst, daß du dich in deinem
eigenen Körper umzuwenden vermöchtest; woran könnten die Merkmale
rechts und links in dir haften, wenn du dich kugelförmig gestaltet
vorstellst, oder wenn du dich formlos, körperlos denkst?

*

Und endlich--von unserer Klause hier ging ich aus--stelle dir
vor, dieses hier sei die ganze Welt und außer dir kein empfindendes
Wesen darin
--und du selbst seist nicht--
--verschwunden sind die in Rede stehenden Unterscheidungen,
ausgelöscht, in nichts gesunken; sind nicht und waren nicht; Spiel
deiner Seele--wesenlose Erscheinung.
Du hast erkannt:
Die Vorstellungen rechts und links sind nicht an sich, sind in
Gegensätze zerfallene, an sich nichtige Unterscheidungen in dir; von
scheinbarer Verschiedenheit--ununterschieden an sich; von
scheinbarer Bedeutung--bedeutungslos an sich; aus dir gewirkte
Wirklichkeit dieser Welt--nicht Wahrheit.
Was von diesen Unterscheidungen--in dir als Urteil,--außer dir
als Eigenschaft des Gegenstandes erscheint, ist nur Kennzeichnung
deines Standortes im Raum, dein zu-Stand zum gegen-Stand, deine eigen
gewählte Haltung, dein beliebiges Verhalten--dein Verhältnis zu den
Dingen im Raum; deine frei-willig eingenommene Stellung--
vor-Stellung, will-kürlich aus dir geschaffen, Ausdruck deines
Willens, aus dir geboren, deine eigene Schöpfung--du selbst.

* * *

Und ferner desgleichen:
Dem gefundenen Ergebnis in betreff der gegenteiligen
Unterscheidungen rechts und links schließen sich unmittelbar und in
allen Stücken an die gegenteiligen Unterscheidungen vorn und hinten,
oben und unten.
Beim ersten flüchtigen Hinschauen zwar scheint es, als beharrten
die Urteile oben und unten auch unabhängig von dir und deiner
jeweiligen Stellung, als bliebe oben oben und unten unten, welche Lage
du auch einnimmst. Stellst du dir aber vor, daß jemand, auf der
Erdkugel stehend, mit erhobenem Arm den Ort am Himmel bezeichnen
wollte, den er für oben hält, und dicht neben ihm stünde ein zweiter,
dasselbe tuend, so weichen die von ihnen als oben bezeichneten Punkte
schon voneinander ab und in unendlicher Entfernung stehen sie
unendlich weit auseinander.
Trüge nun jeder Fleck der Erdkugel solche nach oben Weisende,
jeder von ihnen vermöchte nur sein Oben, nicht das Oben zu weisen und
desgleichen jeder von ihnen nur sein Unten, nicht das Unten, und das
Urteil eines jeden widerspräche dem Urteil aller übrigen, und jeder
Punkt des Himmels trüge mit gleichem Recht und mit gleichem Unrecht
die Bezeichnung oben und die Bezeichnung unten.
In deinem Herzen sind die Auseinandertretungen, deine eigene
Schöpfung die Unterscheidung: oben und unten. Oben und unten ist da,
wo du es willkürlich hinverlegst, oben und unten ist das, was du
willkürlich so nennst. Was hier oben ist, ist dort unten; was jetzt
unten ist, ist dann oben; du wechselst deinen Standort nach Gefallen
und deine Anschauung wechselt mit ihm: oben ist unten, unten ist oben
--die Urteile heben sich durch Gegenurteil auf, nichts bleibt.
Ich sage dir nichts Neues, ich erinnere dich nur.

Und ferner desgleichen alle verwandten Bezeichnungen, alle
Richtung, Maß, Begrenzung, Verhältnis vorstellenden Urteile und alle
übrigen auf Raum und Dinge im Raum übertragenen, wie rechts und links,
wie vorn und hinten, wie oben und unten, in Gegenteile zerfallenden,
aus dir geschaffenen, außer dir erscheinenden, an sich nichtigen
Merkmale und Namen.
Alles Maß ist in dir; alles Verhältnis, Ausdruck deines
Verhaltens; aller Gegenstand in Beziehung zu deinem Willen oder
Unwillen; aller Gegensinn in dir selbst.

*

Räumliche Vorstellungen und Urteile erscheinen unsicher und
schwankend, sie greifen ineinander über, verfließen ineinander, jede
der Vorstellungen beginnt im Herzen der andren--
Die Wahrnehmungen erscheinen gepaart, erscheinen eine die andre
bedingend, sind nur durch gegenseitige Beziehung, sind nur durch
Gegensatz zueinander--
Von getrennten Standorten aus widersprechen sich die gegenteiligen
Unterscheidungen, verneinen einander, heben einander zu nichts auf--
Räumliche Verhältnisse sind nicht an sich, sind nur in dir,
entsprechen in dir deinem gegenwärtigen Standort, deiner gegen-Wart;
wechselst du deinen Standort, so wechselt mit deinem Gesichtspunkt
deine Anschauung, die Urteile widersprechen sich auch in dir,
verneinen sich gegenseitig auch in dir, heben sich auch in dir zu
nichts auf--
Räumliche Unterscheidung hat an sich, hat in dir keine Geltung,
ist gleichgiltig, gleich ungiltig, bedeutungslos, leer, nichtig--in
dir, an sich; Erscheinung--nicht Wahrheit.

Du erwägst: Raum an sich ist leer und bestimmungslos, wie
vermöchten an leerem Raum räumliche Verhältnisse zu haften?
Und du erkennst:
Was dir in räumlicher Anschauung als Verschiedenheit erscheint,
ist willkürliche, durch gegensätzlichen Standort in Gegensätze
auseinanderspaltende, an sich nichtige Unterscheidung in dir--aus
dir gewirkt, auf dich wirkend, Wirkung und Wirklichkeit dieser Welt,
nicht Wahrheit.
Was von solchen Unterscheidungen--in dir als Urteil--außer dir als
Eigen-schaft der Dinge erscheint, ist Ausfluß deiner Eigen-heit,
Abbild deiner selbst; ist dein Verhalten und Verhältnis zu den Dingen,
dein Stand und ver-Stand, dein zu-Stand zum gegen-Stand; Kennzeichnung
deiner Stellung zum gegen-ständlich aufgefaßten Gedanken--deine
vor-Stellung; ist Aus-legung deines innen-Lebens, Ent-gegnung deines
Empfindens, sinnliche Ant-wort seelischer Bewegung, wider-Schein der
von dir be-lieb-ten Wertung, Ausdruck deiner frei-will-igen Teilnahme,
deiner will-kür-lichen Auffassung, deiner Wahl-verwandtschaft, deiner
wechselnden Neigung und Gesinnung, ist dein Atem in Lust und Unlust,
in Liebe und Haß; ist Ausdruck deines wechselnden Verlangens, deiner
Willkür--Inhalt deiner Seele, aus dir gezeugte Über-zeugung, deine
eigene Schöpfung--du selbst.

Solches hast du klar erkannt, daran halte fest, unverbrüchlich.
--Eigengeschaffenes legen wir den Dingen bei und nennen es der
Dinge Eigenschaften.--

*

Ausgelöscht sind die Bedeutungen rechts und links, vorne und
hinten, oben und unten, ausgelöscht alle dazwischen liegenden und alle
verwandten, auf Raum bezüglichen, im Raum verwobenen Verhältnisse:
alles innen und außen, alles hier und dort, alle Nähe und Ferne, alle
Weite und Enge, alle Größe, alle Lage und Richtung, Höhe, Tiefe,
Breite, Länge, alle Teilung, alle Grenzen, alles Maß.
Ausgelöscht alle auf Raum bezüglichen Wahrnehmungen und
Anschauungen, alle seine Unterscheidungen, alle seine Bestimmung,
Bezeichnung, Benennung; bloße Auffassung und Wertung, nur
UnterstelIung und Beilegung, nur Namen--an sich nichts die
sogenannten räumlichen Eigenschaften und Merkmale--: Erscheinung,
nicht Wahrheit.
Ausgelöscht mit ausgelöschten Merkmalen ist der Raum selbst.--Kein
Raum außer Ich, kein Raum im Ich, kein Raum mit ausgelöschtem Ich;
Ansicht, nicht Einsicht, Anschauung--nicht Erkenntnis, eigen
geschaffenes Trugbild, auf bloßer Vorstellung beruhend, aus dir
gewirkte Wirklichkeit dieser Welt; nicht ist Raum an sich--nicht ist
Raum Wesen und Wahrheit.
Solches hast du klar erkannt, von solcher Erkenntnis vermagst du
ferner nicht mehr abzuweichen... es sei denn, daß du--über dieses
hinaus--zu tieferer Einsicht gelangst.
Darum ist gesagt: "aus deiner Seele die Erscheinung: Raum."
--Es ist der Welt Atem, den du, als sei er außer dir, spürst.--

*

Und gewiß:
Gegensatz und Zwillingspaar ist Raum und Zeit;
wie kein rechts ohne links, kein oben ohne unten, so kein Raum ohne
Zeit, keine Zeit ohne Raum.
Wenn es in Wahrheit kein hier und kein dort gibt, so gibt es auch
kein hin und kein her, kein auf und kein ab, kein vor noch zurück,
weder kommen noch gehen, weder steigen noch fallen, kein heben, kein
senken, kein fluten, kein ebben, kein eilen, kein zögern, keinen
Stillstand, keinen Wechsel. Mit ausgelöschtem Raum ist Zeit
ausgelöscht; wie es keinen Raum an sich gibt, so gibt es an sich keine
Zeit.
Bei Erläuterung der Unterscheidung oben und unten schien es
zunächst, als bestünden diese Erscheinungen auch unabhängig von dir;
beim ersten Hinschauen scheint es, als bestünde Zeit an sich und
unabhängig von dir. Doch wie die Vorstellungen oben und unten beim
Durchschauen in Nichts versinken, so versinkt die Einbildung Zeit
durch Erkenntnis in Nichts.
Wie dein Standort, den du im Raum einnimmst, bestimmt, was du mit
den Worten oben oder unten, mit rechts oder links bezeichnest, so
bestimmt dein Standort in der Zeit, dein Bestand, deine Anwesenheit,
dein Da-sein, deine Gegen-wart, was du als Vergangenheit und was du
als Zukunft unterscheidest, und wie jenen Wahrnehmungen, so kommt auch
diesen keine Wahrheit zu.
Wie dein Standort im Raum die willkürliche Teilung eines Ganzen
bestimmt, ein von dir gewählter Scheidepunkt, der dir das Recht zu
geben scheint, gegensätzliche Verschiedenheit zu schaffen, so schafft
dein Standort in der Zeit, dein Da-sein, deine Gegen-wart
Unterscheidung in einem in sich ungeschiedenen Ganzen und macht dich
in gegen-Teile unterscheiden was eines ist.
Zeit an sich ist leer und bestimmungslos; wie vermöchte an leerer
Zeit zeitliche Bestimmung und Unterscheidung zu haften?
Nur von dir aus gibt es ein rechts und links, nur aus dir gewirkt
und auf dich wirkend ist ein oben und unten, ein vorher und nachher,
nur in dir ist und ist wirkend, was du Zeit nennst.
Vergangenheit scheint vorbei, Zukunft scheint zu kommen; der Tag
scheint vorbei, die Nacht scheint zu kommen. Verschieden wie Tag und
Nacht scheint Vergangenheit und Zukunft, unvereinbar, ewig voneinander
getrennt. Seit dem Tage Brahma, o Teurer, sind auf unserm Wohnsitz,
der Erde, die unterschiedenen Zeiten, die vergangenen und die
kommenden, Tag und Nacht zu gleicher Zeit. Zu ein- und derselben Zeit
ist Morgen und Abend, Mittag und Mitternacht und jede Stunde des Tages
und der Nacht, ewig gleichzeitig, zu ein- und derselben Zeit.
Ununterbrochen brennt auf der Erde Mittag, ununterbrochen kühlt
Mitternacht und alle verschiedene Zeit zur selben Zeit.--Eines ist,
was getrennt erscheint. Der Tag, der vergangen scheint, ist noch; die
Nacht, die zu kommen scheint, ist schon. Es währt vergangene und
zukünftige Zeit ununterbrochen--in dir sind die Gegensätze; jener
heilige Savitar, die Sonne strahlt ewigen Tag.
Und wie Sterne, vom Tage überleuchtet, den Sinnen nicht
gegenwärtig sind, doch der Seele gegenwärtig--so ist Vergangenheit
und Zukunft, von Gegenwart überleuchtet, deinen Sinnen nicht
gegenwärtig, doch gegenwärtig deiner Seele.
Vergangenheit war einst deine Gegenwart; Zukunft wird einst deine
Gegenwart. Was Vergangenheit ist, war einst deiner Gegenwart Zukunft;
was Zukunft ist, wird einst deiner Gegenwart Vergangenheit--
Ich-Gegenwart beharrt in Vergangenheit und Zukunft.
Wie du, dich selber täuschend, den Raum vor dir vom Raume hinter
dir unterscheidest, so unterscheidest du, dich selber täuschend, Zeit
vor dir von Zeit nach dir. Wende dich in dir, und Vergangenheit wird
Zukunft und Zukunft wird Vergangenheit. Daß du die Zukunft schaust,
ist nicht wunderbarer, als daß du dich der Vergangenheit erinnerst. Du
err-inne-rst dich der Zukunft, wie du dich der Vergangenheit
erinnerst, und Zukunft und Vergangenheit ist ewige Gegenwart.
Erinnerung ist Verklärung, Beseeligung von Raum und Zeit.
Vergangenheit an sich ist nicht Zeit, denn Vergangenheit war, ist
also nicht; ist nur Erinnerung an Zeit, Denktätigkeit, nichts mehr.
Zukunft an sich ist nicht Zeit, denn Zukunft wird erst, ist also
nicht; ist nur Erwartung von Zeit, ein Gedankenbild, nur in Beziehung
auf das, was wir Zeit nennen, nicht Zeit selbst. H.B.
Einen Hungrigen sättigt nicht die Erinnerung an frühere Sättigung
und nicht Hoffnung auf spätere Sättigung; weder Hoffnung auf Nahrung
noch Erinnerung an Nahrung ist Nahrung. Weder Erinnerung an Zeit noch
Erwartung von Zeit ist Zeit. Wenn Zeit wäre, so könnte nur Gegenwart
Zeit sein. Gegenwart jedoch ist nur Standort des Ich, nur Anwesenheit,
nur Gegenwärtigkeit des Ich, nur die Scheide zwischen dem, was Ich
Vergangenheit und dem, was Ich Zukunft nennt: eine nur in Gedanken zu
fassende Scheide, ohne Ausdehnung, nur ein Berührungspunkt von
Gedanken und selbst nur Gedanke in dir--Ich-gegen-wart, nichts mehr.
Keine Zeit vor deiner Gegenwart, keine Zeit nach deiner Gegenwart,
keine Zeit ohne deine Gegenwart; deine Gegenwart ist Zeitewigkeit.
Wie Zeit je nach deiner Empfindung stille steht oder flieht, wie
du in einheitlicher Zeit gute und schlechte Zeiten unterscheidest, wie
du Erwartung und Erinnerung in dir schaffst, so schaffst du Zeit in
dir.

*

Du erkennst:
Was dir als Vorgang in der Zeit, als Beharren oder Wechsel, als
Dauer oder Änderung erscheint, ist nicht an sich, ist willkürliche,
von deiner gegen-Wart aus in gegen-Teile auseinanderspaltende, an sich
nichtige Unterscheidung in dir--
Was von solchen Unterscheidungen--in dir als zeitliches Urteil
--außer dir als zeitliche Eigenschaft der Dinge erscheint, ist Inhalt
deiner Seele, Ausdruck des Verlangens in dir, Abbild deiner selbst;--
Kennzeichnung deiner gegen-Wart zum gegen-Stand, Kennzeichnung deiner
Auffassung und Wertung, Wiedergabe deiner wechselnden Gesinnung, dein
Atem in Lust und Unlust, willig-un-willige Auffassung in dir, in dir
gezeugte ein-Bildung, deine eigene Schöpfung--du selbst.--
Keine Zeit vor dir, keine Zeit nach dir, keine Zeit ohne dich.

Solches hast du klar erkannt.
--Eigen Geschaffenes legen wir den Dingen bei und nennen es der
Dinge Eigenschaften.--

*

Ausgelöscht sind die in Rede stehenden Wahrnehmungen, nur
verschiedene Benennung die erscheinende Verschiedenheit; wie die
Unterscheidungen rechts und links, wie oben und unten, nur Namen, an
sich nichts die Unterscheidungen Vergangenheit und Zukunft, bloße
Für-wahr-nehmung, nicht Wahrheit.--
Ausgelöscht mit ihren Teil-Erscheinungen und gegenteiligen
Merkmalen ist die Erscheinung Zeit selbst, Empfindung--nicht
Erkenntnis, eigen geschaffenes Trugbild, aus dir gewirkt, auf dich
wirkend, Wirkung und Wirklichkeit dieser Welt. Nicht ist Zeit an sich
--nicht ist Zeit Wesen und Wahrheit.--
Darum ist gesagt: "Aus deiner Seele die Erscheinung: Zeit."
Darum ist gesagt: "Zeit ist scheinbare Wahrheit". "Ich bin nicht
in der Zeit, ich selbst bin Zeit."
--Es ist der Welt Atem, den du, als sei er in dir, spürst.--

* * *

Ausgelöscht ist alle auf Raum, alle auf Zeit bezügliche Anschauung
und Auffassung, alle auf Raum und Zeit bezügliche Wahrnehmung und
Eigenschaft, alle Unterscheidungen, Verhältnisse, Merkmale,
Bezeichnungen, Beziehungen, Beilegungen, Bedeutungen und alle übrigen
auf Raum und Zeit ruhenden Empfindungen, Vorstellungen, Begriffe,
Urteile, Namen;--in nichts gesunken: Ausdehnung, Maß, Zahl,
Teilbarkeit, Einheit und Vielheit, Folge und Folgerung, Anfang und
Ende, Entstehen, Vergehen, Unendlichkeit, Ewigkeit--müßige Fragen
dem Wissenden--
Ausdruck deiner Gegenwart zum gegenständlich aufgefaßten Gedanken;
deine Empfindung und nach außen Verlegung, das ist Auslegung deines
Inne-be-findens; ein-Bildung und wider-Spiegelung deiner Einbildung,
das ist: vor-Stellung; deine eigene Schöpfung--du selbst--an sich
nichts die sogenannten Eigenschaften der Zeit, die sogenannten
Eigenschaften des Raumes--
Ausgelöscht mit ausgelöschten Merkmalen und Unterscheidungen ist
Zeit und Raum selbst--vernichtet! Zeit und Raum sind nicht in sich.
Spiel deiner Seele, ein bloßer Traum!
Darum ist gesagt: "aus deiner Seele die zeit-räumliche
Erscheinung".
--Erscheinung!--sinnlicher Widerschein seelischer Empfindung in
dir--deines eigenen Wirkens Abbild, eigengeschaffene Wirklichkeit
dieser Welt--du selbst!--Keine Zeit, kein Raum in sich; keine
Zeit, kein Raum in Wahrheit.
--Eigen Geschaffenes legen wir den Dingen bei und nennen es der
Dinge Eigenschaften, eigen Gewirktes--Wirklichkeit dieser Welt.--
Solches hast du klar erkannt, von solcher Erkenntnis vermagst du
ferner nicht mehr abzuweichen... es sei denn, daß du--über dieses
hinaus zu tieferer Einsicht gelangst.

*

In dir ist Zeit und Raum, du selbst schaffst Zeit und Raum, zu
eigener Lust; trägst Zeit und Raum mit dir, wie du Leben und Welt mit
dir trägst. Ewig ist Zeit, unendlich ist Raum--ewig unendlich Ich
und Welt.

--Es ist das Atmen der Welt, die du lebst; Schöpfer--
Vernichter.

* * *

Und ferner, o Teurer!
Noch hat niemand diesem, wovon wir reden, sein volles Recht
strömen lassen, und nicht überliefert wurde mir diese Lehre; in mir
selbst trat zutage, wuchs und erstarkte die Erkenntnis.
Und schon einmal habe ich der Welt diese Lehre verkündet, als die
Tochter des Vatschaknu vor dem Könige der Videha mich befragte; aber
unverstanden von der Welt blieb diese Lehre: --"was zwischen Himmel
und Erde ist, und oberhalb des Himmels und unterhalb der Erde, was sie
Vergangenheit und Zukunft nennen--Raum und Zeit--o Gargi, ist
eingewoben und verwoben in der Erscheinung Akasha".--Uraltes Wissen
verkündige ich dir wieder: der erscheinenden Welt zeiträumliches
Dasein.

*

Gegensatz und Zwillingspaar ist, was du Raum und Zeit nennst.
Durch Ur-sprung ist Raum, durch Raum--Zeit; wie rechts durch links,
wie oben durch unten, wie Vergangenheit durch Zukunft. Wie kein rechts
ohne links, kein oben ohne unten, keine Vergangenheit ohne Zukunft, so
kein Raum ohne Zeit, keine Zeit ohne Raum. Zeit ohne Raum wäre
nirgend; Raum ohne Zeit wäre nie.
Alles was im Raum ist, entsteht und vergeht in der Zeit; alles was
in der Zeit ist, entsteht und vergeht im Raum. Zeit ist ewig überall,
Raum ist überall ewig. Zeit und Raum bedingen einander. Zeit und Raum
mißt sich aneinander: 'ein Zeitraum, eine Stunde Wegs, eine Spanne
Zeit, ein Tagwerk Land, eine geraume Zeit.' Zeit und Raum ergänzen
einander. Dem Nebeneinander des Raumes entspricht das Nacheinander der
Zeit. Zeit und Raum treten für einander ein. Bewegter Raum wäre Zeit;
ruhende Zeit wäre Raum. Ausgebreitete Zeit heißt Raum; dauernder Raum
--Zeit. Zeit und Raum schafft einander; Zeit und Raum hebt einander
auf--Gegensätze, die einander schaffend, einander aufheben.
Gegensätze Zeit und Raurn sind gegen-Paare, halb-Teile eines
Ganzen. Gegensatz in sich nennt Ich: Zeit, Gegensatz zu sich nennt
Ich: Raum. Spaltung im Ich--Zeit; gespaltenes Ich--Raum. Gegensatz
räumt--Gegensatz zeitigt.

*

Weder hat Zeit einen Anfang, noch ist Zeit ewig; weder hat Raum
ein Ende, noch ist Raum unendlich--weder ist Zeit und Raum real,
noch ist Zeit und Raum ideal;--Zeit und Raum ist Gedanke im
verlangenden Ich.
Zeit-Gegenwart ist ohne Dauer, also nicht Zeit; Raum-Punkt ist
ohne Ausdehnung, also nicht Raum. Zeit-ewigkeit wird nicht aus Zeit,
Raum-unendlichkeit wird nicht aus Raum, und wie Zeit-ur-teil keine
Zeit ist, so ist Zeit-ewigkeit keine Zeit; wie Raum-ur-teil kein Raum
ist, so ist Raum-unendlichkeit kein Raum. Zeit und Raum ist Gedanke im
urteilend schaffenden Ich.
Ich ist Zeit-einbildung, Ich ist Raum-vorstellung. Im Ich ist ewig
Zeit; im Ich ist endlos Raum. Weil Ich selbst Zeit und Raum ist, darum
ist Zeit immer, wann Ich ist; darum ist Raum immer, wo Ich ist; Zeit
und Raum ewig unendlich, da Ich ist. 'Ewig' 'unendlich' aus dem Ich
geschaffene, das Ich selbst bezeichnende Worte, Ich-ausdruck, nichts
mehr.
Ich ist Ausdehnung in sich zu ewiger Zeit--außer sich zu
unendlichem Raum. Ich ist gegen-Wart zu Zeit und Raum. Ich-Atem,
Ich-Bewegung, Ich-Ausdehnung, Ich-Wandel, Ich-Wirk-lichkeit ist Zeit
und Raum. Wechselndes im Bleibenden, Beharrendes im Wechselnden: Ich.

Keine Zeit, kein Raum ohne Ich: einen Augenblick bewußtlos--eine
Ewigkeit bewußtlos.

'In der 'Zeit' heißt vom Ich-bewußtsein als Zustand in sich
unmittelbar umfaßt; 'im Raum' heißt mittelbar, vermittelst der Sinne
erfaßt. Im Bereich des Ich-bewußtseins heißt Zeit, was darüber hinaus
Raum heißt. Vom Ich empfunden--Zeit, vom Ich angeschaut--Raum;
seelisch empfunden--Zeit, sinnlich angeschaut--Raum.

Bei gedankenlosem Hinschauen zwar erscheint Zeit und Raum
verschieden, verschieden wie Tag und Nacht, wie Vergangenheit und
Zukunft, unvereinbar, ewig voneinander getrennt. Ansicht--nicht
Einsicht; Wahr-nehmung--nicht Wahrheit.
Zeit und Raum sind nicht auseinanderzuhalten: --frage dich, o Teurer,
durch welche Bestimmung könnten Zeit und Raum, beide an sich leer an
Bestimmung, voneinander verschieden sein? Eines ist, was du in dir
Zeit, was du außer dir Raum nennst--zwei Namen für das Selbe:
atmendes Verlangen in dir.
Sprich es unverstanden nach--mit vorschreitender Erkenntnis gelangst
du zu vollem Verständnis.

*

Wie du, dich selber täuschend, den Raum über dir vom Raum unter
dir unterscheidest, wie du, dich selber täuschend, Zeit vor dir von
Zeit nach dir unterscheidest, so unterscheidest du, dich selber
täuschend, Zeit in dir von Raum außer dir.
Wie deine Gegenwart im Raum bestimmt, was du hier und was du dort
nennst, wie deine Gegenwart in der Zeit bestimmt, was du als vorher
und was du als nachher unterscheidest, so bestimmt deine Gegen-wart im
Da-sein, was in dir zeitlich, was außer dir räumlich erscheint.
Wie deine Gegenwart in Zeit und Raum die Teilung eines Ganzen
bestimmt--ein willkürlich gewählter Scheidepunkt, der dir das Recht
zu geben scheint, Gegenteiligkeit zu schaffen, ein rechts und ein
links, ein oben und ein unten zu unterscheiden, ein vorher und ein
nachher, so schafft dein Da-sein, deine Gegen-wart, dein
Ich-Bewußtsein,--du selbst--Unterscheidung in einem ungeschiedenen
Ganzen, macht dich in Zeit und Raum unterscheiden, was eines ist.
Eines--scheinbare Zweiheit.
In deinem Herzen sind die Auseinandertretungen, deine eigene
Schöpfung die Unterscheidung Zeit und Raum.--Als Zeit empfindest du,
was dein eigen, als Raum, was dir entfremdet. Entlassend schaffst du
Raum, aufnehmend Zeit, was aus-wendig Raum ist, ist in-wendig Zeit.
Dein eigener Widerschein im Ich-Gedanken nennt sich Bestand,
Dauer, Wechsel, Zeit; deinen eigenen Widerschein im entlassenen
Gedanken nennst du draußen, Gegenstand, Raum.
Unterscheidung Zeit und Raum ist Unterscheidung: in dir--außer
dir; ist Empfndung und nach außen Verlegung--Auslegung deines
inne-Befindens; ist Ein-bildung: Zeit, und Widerspiegelung deiner
Einbildung, Vor-stellung: Raum; Ich-zu-stand und Ich-gegen-stand--
Ausdruck deiner wechselnden Gesinnung, deiner Zuneigung und Abneigung,
Anziehung und Abstoßung, Lust und Unlust, Liebe und Haß, Bejahung und
Verneinung, Wille-wider-Wille im Verlangen--Abbild deiner selbst.
Zeit und Raum sind nur andre Worte für Ich und du; Unterscheidung
Zeit und Raum ist Unterscheidung Ich und Welt--Ausdruck des Zerfalls
im Ursprung. Davon wird dir in weiterer Unterweisung volle Klarheit.

*

Besinne dich und du erkennst: ununterschieden in sich ist Zeit und
Raum; eines, was du mit ent-zwei-enden Namen bezeichnest; wie rechts
und links, wie oben und unten, wie hier und dort, wie jetzt und einst
--willkürliche, in sich nichtige Unterscheidung in dir. Und wie du
solches von dem Gegen-sinn 'rechts und links', von dem Gegen-sinn
'oben und unten' klar erkannt hast, so wird dir klare Erkenntnis auch
vom scheinbaren Gegensinn Zeit und Raum.
Aller Gegensatz, alle Einheit ist in dir.
Zeit und Raum sind Gestaltung deines Willens; Zeit und Raum sind
andre Worte für deinen Willen und für das, was wider deinen Willen--
wieder dein Wille ist;--Gestaltung deiner selbst!
Eigene Lust dein Wandel; nach eigenem Gefallen wandelst du dich zu
Zeit und Raum, wandelst Zeit zu Raum wie rechts zu links, wandelst
Raum zu Zeit wie unten zu oben.
Es ist so--sprich es unverstanden nach. Die die Welten
voneinander hält, diese Brücke überschreite als ein Blinder.
Aufleuchten wird einst in dir die Erkenntnis, aus welcher Tiefe
solches fließt.

*

Ausgelöscht der Gegensinn von Zeit und Raum; auf Worten beruhend
die erscheinende Verschiedenheit; ununterschieden an sich, weder das
eine noeh das andre; dasselbe doppelt benannt, zwei Namen fur eines.
Und gewiß: ist Zeit gleich Raum, so ist weder Zeit noch Raum.
Was du Zeit und Raum nennst--in Gegenteile zerfallene, an sich
nichtige Unterscheidung in dir--in Gegensinn auseinanderspaltendes
Urteil, deine Willensgestaltung, Spiel deiner Seele, deine eigene
Schöpfung--du selbst.

*

"Was du Zeit und Raum nennst, o Gârgî, ist eingewoben und verwoben
in Akasha."
Durch Raum und Zeit wird alles dieser Welt, was Leben heißt, was
Tod genannt wird--ewiger Kreislauf--Geburt und Tod dieser Welt
durch Raum-Zeit-Erscheinung:
-- AKASHA --
dieser Welt Erscheinung--deines Verlangens sinnlicher wieder-Schein
--dieser Welt wesenlose Erscheinung--Erscheinung des Wesens dieser
Welt.
Aufleuchten möge in dir die weltschöpferische Bedeutung des
Wortes.

*

Darum ist gesagt: "auf Akasha geht diese Welt zurück"--
"Einklang von Seele und Leib."
Darum ist gesagt: "Akasha--des Brahma Standort"--"Brahma
leibhaftig geworden"--"deiner Seele Leib."
"Darum soll man als dieser Welt Keim Akasha wissen."
Sehend geworden erkennst du:
--Es ist der Welt, die dich lebt, Atmen--
--atma--

* * *

So, o Teurer, können wir Menschen, der Erscheinung nachdenkend,
uns dieses vorstellen; der Erkenntnis ehernes Tor, verhüllte Wahrheit
dem nicht Erkennenden--Upanishad.

*

So lautet in Aranada Upanishad der zweite Abschnitt: zeit-
räumlicher Erscheinung Urbestand; nunmehr kâma, Verlangen.




III.
DAS VERLANGEN DIESER WELT
-- kâma --



Zu dem, was ich dir ferner zu sagen gedenke, o Teurer! behalte vor
Augen:
Es geschieht wohl, daß von den dickkopfigen Ameisen eine
mitten-von-einander bricht; alsbald kehren sich die getrennten Teile
feindlich gegen einander: der Kopf greift mit den Kiefer an, der Leib
wehrt sich mit dem Stachel.
Eben noch einheitlicher Bestand, Ein Ich mit Einem Bewußtsein,
Einer Empfindung, Einem Willen, von gleicher Sorgfalt für alle Teile
seines Körpers erfüllt--zerfällt es vor deinen Augen in zwei
Bewußtsein, zwei Empfindungen, zwei Willen, zwei Seelen; jedes der
beiden Teile fühlt sich selbständig, ein "Ich", und seine erste Tat
ist Kampf gegen das, was es nicht mehr als sein Ich erkennt.
Zwiespalt körperlich-seelisch; Gedanke dieser im Zwiespalt
atmenden Welt; Ausdruck des ur-Sprungs: Kâma, Verlangen.
Durch ur-Sprung: ur-TeilIch und gegen-TeilIch. Durch solche
Teilung Verlangen in Ich und Ich;--das Außer-einander von Ich und
Ich ist Verlangen:
-- KAMA --

*

Also ist die Unterweisung:
Ich knüpfe an Gesagtes an, o Teurer!
Der Erreger, savitar, die Sonne, weckt die Geschöpfe--alsbald
beseelt diese der Gedanke des Lebens: Kâma, Verlangen, und es folgt
Jagd und Kampf.
Brennend vor Begier wirft sich der Eine auf den Anderen: "du bist
meine Nahrung"--und der Sieger frohlockt: "ich töte dich: es ist
mein Recht."
Vom Unterliegenden jedoch schallt voller Widerspruch zurück: "ich
will nicht sterben, du darfst mich nicht töten, es ist unrecht und
böse!"
Du erwägst zuvörderst den Gegensatz im atmenden Verlangen im
'Raum' erscheinend.
Jeder der Beiden, hier wie dort, der Sieger sowohl wie der
Unterliegende, will dasselbe: will leben, nicht sterben; will töten
und fressen, will nicht getötet und gefressen werden.
Hier wie dort Ein Gedanke, dasselbe Verlangen, dennoch
Widerspruch, Zwiespalt, Gegensatz.

*

Du schaust den Gedanken unbewegt, einheitlich, ungeteilt: Kâma,
Verlangen, Fraß; Fraß ist sinnfälliger Ausdruck des Verlangens.
Es ist kein Zwiespalt, kein Gegensatz im Gedanken, im Wollen und
Tun an sich; Zwiespalt, Gegensatz ist durch Ich und Ich.
Zwiespalt, Teilung erscheint mit be-Teil-igung des Ich am
Gedanken. Der Gegensatz entsteht durch zwiefachen Standort des Ich; im
Ich, das hier will, und im gegenüber stehenden, entgegen stehenden,
widerstehenden Ich, das dort wieder will--zwei gegen-ständliche
Standorte des Ich--das ist Raumerscheinung:

I. Ich--hier:
"ich will dich fressen."

II. Ich--dort:
"ich will dich fressen."

*

Ich auf beidem Standort spricht den einheitlichen Gedanken, das
einheitliche Verlangen: 'Fraß' zwiefach aus, bejahend--verneinend.
Ich auf beidem Standort bejaht den Satz und verneint damit den
Gegensatz. Ich will--und will nicht das Gegenteil des Gewollten;
Wille zur Tat, Unwille zur Duldung der Tat. Ich hier wie Ich dort:
"ich will leben--nicht sterben, ich will fressen--nicht gefressen
werden."
Es ist Ein Gedanke, Ein Verlangen, Ein Vorgang: 'Fraß'; 'fressen
--nicht gefressen werden' ist nur Lautverschiedenheit, nur sprachlich
doppelter Ausdruck, dem Sinne nach dasselbe; nur Gewolltes bejahende,
nicht-Gewolltes verneinende Redewendung, doppelte Bezeichnung für
Eines. Ich spricht in zwiefachen, Eines bedeutenden Worten
einheitliches Wollen, den Einen ungespaltenen Gedanken aus;
Gegensatz erscheint im raum-gespaltenen, im ent-zwei-ten Ich; im Ich,
das hier will, und im Ich, das dort will, dort wieder will, das heißt
--wider will:

[Ich:]
I. Ich, angreifend und siegend will die Tat, bejaht, die Tat,
spricht den bejahenden tätigen Sprachausdruck des Verlangens--in
Lust aufflammend:
"ich will dich fressen."

[Ich im räumlichen 'Gegen'stand:]
II. Ich, angegriffen und unterliegend, will die Tat nicht,
verneint was ihm Leid antut, spricht den verneinenden, leidenden
Sprachausdruck des Verlangens--in Leid aufflammend:
"ich will mich nicht fressen lassen."

Kein Gegensatz im Verlangen, kein Zwiespalt, keine Teilung--
gleichviel, ob sich der Gedanke in Einem Ich in zwiefacher Redewendung
--bejahend--verneinend--ausspricht, oder ob sich der Gedanke in
zwiefacher Redewendung als Wille und Unwille auf zwei Ich verteilt--
zweiheitlicher Ausdruck des einheitlichen Gedankens: Verlangen.
Kein Gegensatz in Gedanken--gleichviel, ob sich der Gedanke im
tuenden Ich in Tat ausdrückender Redeform ausspricht, oder ob sich der
Gedanke im leidenden Ich in Leid ausdrückender Redewendung
widerspricht; gleichviel, ob der Gedanke im Ich, fressend, sich
bejaht, im Ich, gefressen, sich verneint: --einheitliches Verlangen.
Unberührt bleibt der Gedanke, ungeteilt--Unterscheidung,
Teilung, Entzweiung, Zwiespalt und Gegensatz ist durch Ich und Ich
Dies ist kâma, Verlangen, in gegen-Teile ent-zweit, als Wille und
wider-Wille erscheinend; im zu-Stand-Ich und im gegen-Stand-Ich; Ich
räumlich auf zwei Standorten. Ich-ent-Zwei-ung.

*

Nunmehr der Gegensatz im atmenden Verlangen in der Zeit
erscheinend.
Nichts weset ohne ein Zweites, kein Ding ohne seinen Gegensatz,
kein Willen ohne gegen-Willen--kein Leben ohne Atem des Willens, wie
kein Atem ohne Einhauch und Aushauch.
Es geschieht, daß in den Beiden, die sich bekämpfen, eine Wendung
im Verlangen eintritt:
Im Sieger nach geschehener Tat: die Gier ist befriedigt, die Lust
verraucht. Wie am bewegten Schöpfrad der Eimer gefüllt emporsteigt und
entleert wieder herabsinkt, so füllt sich das Verlangen, übersteigt
den Höhepunkt und fällt. Bisher zurückgedrängte Gedanken drängen vor.
Der Sieger versetzt sich in die Lage des Opfers; das Mitleid erwacht,
der Umschlag erfolgt; man sagt wohl: er ist nicht mehr derselbe, er
ist ein anderer geworden: "ich will nicht töten, es ist Unrecht.
Lieber Unrecht leiden als Unrecht tun, lieber selber den Tod erdulden,
als andere töten."
Sodann im Unterliegenden: "mein Widerstand ist vergeblich; ich
unterliege." Bisher zurückgedrängte Gedanken drängen vor. Erinnerung
an eigene Untat wird wach, der Umschlag erfolgt: "es geschieht mir
Recht, ich verdiene den Tod; ich will mein Unrecht büßen, will meine
Sünde sühnen: töte mich, ich sterbe freudig."
Der Kampf ist aufgegeben, Frieden ist gewonnen; Aufopferung hat
Raubgier abgelöst. Verraucht ist das Verlangen, aller Sittlichkeit
höchstgepriesenes Ziel erreicht--erstanden das Wunder:
Selbstlosigkeit.

*

Du erwägst zuvörderst den zeitlich erscheinenden Gegensatz im
Willen des angreifenden Ich--Wechsel von Tat zu nicht-Tat.
Der Gegensatz erscheint als geänderter Wille im Ich. Das Verlangen
atmet, lebt, bewegt sich, wandelt, wechselt im lch. Ich verläßt seinen
Stand, ver-stellt sich, nimmt andere Stellung zum Gedanken:
"Ich wollte leben, wollte nicht sterben; wollte die Tat tun,
wollte die Tat nicht dulden, wollte töten und fressen, wollte nicht
getötet und gefressen werden"--
"jetzt will ich sterben, will nicht leben; will nicht töten, nicht
fressen, will getötet und gefressen werden."
Im Willen des Ich ist Wandlung eingetreten--Gegensatz im
wechselnden Willen in der Zeit erscheinend.

*

Du schaust den Gedanken unbewegt, einheitlich: kâma, Verlangen.
Tat und Fraß ist sinnfälliger Ausdruck des Verlangens, Ausdruck des
Wirkens dieser Welt.
Es ist keine Änderung, kein Gegensatz in Verlangen an sich;
Änderung und Gegensatz ist im be-Stand des verlangenden Ich.
Unterscheidung, Zwiespalt, Teilung erscheint mit be-Teil-igung,
mit an-Teil-nahme des Ich am Gedanken. Der Gegensatz entsteht im Ich,
das, wollend, in sich spaltet; das Verlangen bleibt, nur das zeitliche
Ziel des Verlangens im Ich wechselt: Ich, das wollte--Ich, das
anders will; zweierlei Verhalten, zwiespaltiger Zustand im Ich--das
ist Zeiterscheinung.

I. Ich erst in Lust aufflammend, erst:
"ich will fressen;"

III. Ich dann lustlos verlöschend, dann:
"ich will gefressen werden."

*

Der Gedanke bleibt Einer, einheitlich, ungeteilt: Fraß. Kein Fraß
ohne fressen und gefressen werden; beides liegt unmittelbar im
Gedanken "Fraß", "Fressen--gefressen werden" ist nur sprachlich
verschiedener Ausdruck des Einen Gedankens; nur zweierlei Benennung
für ein-und-denselben Vorgang, nur tätige und leidende Sprachform: nur
Laut-Verschiedenheit, nicht Gegensatz in sich--Eines: Kama,
Verlangen.
Wandel und Gegensatz erscheint im zeitgespaltenen Willen des Ich:
Ich wollte und will das Gegenteil des zuerst Gewollten. Alles Wollen
ist aus Tun und Dulden: Ich wollte die Tat tun--ich will die Tat
dulden.

[Ich:]
I. Ich, erst, in Verlangen, Urteil, Tat sich schaffend, will das
Leben, begehrt, hofft, will tun, bejaht den Gedanken zu solcher Zeit
blind:
"ich will dich fressen, will nicht von dir gefressen werden."

[Ich in zeitlichem Gegensinn:]
III. Ich, dann, nach aufgegebenem Tun, von treibender
Lustempfindung frei, nicht mehr begehrend, ver-setzt sich in die Lage
des Opfers, ver-stellt sich auf den Standpunkt des Gegners, versteht
ihn, mit leidend, steht ihm bei,--urteilt nun von also
entgegengesetztem Stand mit der Zeit ver-ständig, erkennend, wechselt
mit gewechseltem Stand seine Ansicht, wendet sich im Gedanken,
widerspricht sich selbst, gibt sich auf, will dulden, will den Tod:
lustlos vergehend:
"ich will mich fressen lassen, will nicht fressen"

Es ist ein Gedanke, der sich im Ich ausspricht, gleichviel wie
sich das Ich verlangend zum Gedanken stellt, es bleibt Ein Gedanke,
gleichviel ob Ich den Gedanken tun, oder ob Ich den Gedanken dulden
will, gleichviel ob das Ich, erfüllt vom Gedanken, sich Henker oder
Opfer fühlt--kâma, Verlangen.

*

Dieselbe zeitliche Wendung im angegriffenen, im widerstehenden Ich
--Wechsel von nicht-Duldung zu Duldung--
Ich wollte nicht und will dann nicht das Gegenteil des zuerst
nicht Gewollten. Ich wollte die Tat nicht dulden--jetzt will ich die
Tat nicht tun.

[Ich im 'Gegen'stand, das ist: nicht-Ich:]
II. Ich, angegriffen, verabscheut die Tat, widersteht, verteidigt
blind seinen Standort, will nicht dulden; in Leid aufflammend:
"ich will nicht von dir gefressen werden, will dich fressen!"

[nicht-Ich im zeitlichem Gegensinn:]
IV. Ich, nach aufgegebenem Widerstand, im Übermaß des Leides
nichts mehr erhoffend, weder begehrend noch verabscheuend, gibt den
bisher verteidigten Standort auf, ver-stellt sich auf den Standort des
Henkers, ver-steht ihn, urteilt jetzt vom also entgegengesetzten
Standort erkennend, will dulden, nicht tun, leidlos vergehend:
"ich will dich nicht fressen, will mich von dir fressen lassen!"

Unberührt bleibt der Gedanke--Unterscheidung ist im Ich, im
zeitgespaltenen, im gewechselten Willen des Ich. Wille ist Ausdruck
des Ich. Kein Wille ohne Ich, kein Ich ohne Willen. Wille ist Ich, Ich
ist Wille.
Dies ist Kâma, Verlangen im Ich als wechselnder Wille atmend;
Verlangen im selben Ich zeitlich in gegen-Teile gespalten erscheinend
im Ich und wieder im Ich; Ich in zwei Zeit-zu-Ständen; Ich-zwie-Spalt.

*

Erkenne zunächst:
Gegensatz, Widerspruch, Zwiespalt, Entzweiung, Teilung, im
Verlangen erscheinend, ist nicht an sich, ist willkürliche, durch
gegensätzlichen Ich-stand--in sich, außer sich--in-gegen-Teile
aus-ein-ander-spaltende, an sich nichtige Unterscheidung in dir, von
scheinbarer Verschiedenheit,--ununterschieden in sich; von
scheinbarer Bedeutung--bedeutungslos an sich; aus dir gewirkt--auf
dich wirkend, Wirkung und Wirklichkeit dieser deiner
eigen-geschaffenen Welt--nicht Wahrheit.
Was als Gegensatz im Verlangen erscheint, ist in dir, ist
Kennzeichnung deiner zeiträumlichen gegen-Wart, deines da-Seins, ist
Ausdruck deiner Beziehung zum gegen-Stand, ist deine Auffassung, deine
Gesinnung, deine an-Teil-nahme, deine Stimmung, deine Lust oder
un-Lust zum eigenen, gegen-ständlich auf gefaßten Gedanken, ist
Empfindung in dir und Auslegung, das ist nach außen ver-Legung deines
inne-Befindens, ist deine ein-Bildung und wider-Spiegelung deiner
Einbildung, das ist: Vorstellung; Inhalt deiner Seele, Verlangen, aus
dir geboren, deine eigene Schöpfung--du selbst.
Unberührt bleibt der Gedanke, unbewegt wie im Sturm der
Sonnenstrahl, gleichviel, ob Ich das Verlangen aufnimmt oder abweist,
den Gedanken hofft oder fürchtet, liebt oder haßt, bejaht oder
verneint, anzieht oder abstoßt, tut oder duldet, will oder nicht will;
gleichviel, ob Ich, vom Gedanken beseelt Lust oder Unlust empfindet,
ob Ich sich Freund oder Feind, Herr oder Knecht, Henker oder Opfer
fühlt, gleichviel ob Ich frei will oder wollen muß, gleichviel ob der
Gedanke in Ich oder Ich im Gedanken oder der Gedanke Ich ist.--
Alle Unterscheidung ist im Ich, im atmenden Willen Ich. Wille ist
Ich Zustand, Wille ist Ich Ausdruck. Kein Willen ohne Ich, kein Ich
ohne Willen. Wille ist Ich, Ich ist Wille--kâma, Verlangen.
Die Welt denkt nur einen Gedanken--aus dem 'Ich' ist endlose
Mannigfaltigkeit dieser Welt.

* * *

Und noch einmal:
Der Gedanke dieser Welt--Verlangen--atmet im Ich; Ich, atmend,
spaltet--: zwiespältige Beziehung des Ich zu seinem eigenen
Gedanken, zu sich selbst. Ich will--will nicht: will tun, nicht
dulden; will dulden, nicht tun; in sich--außer sich; in Zeit--in
Raum.--Alles Geschehen dieser Welt--alle Möglichkeit dieser Welt;
aller Gedanken, alles Werdens und Verwerdens--alle Welten umfassende
Möglichkeit.

SAMSARA.

Ich aufflammend:
| Raum.
V
I. "ich will dich fressen, II. "ich will nicht von dir gefressen werden,
ich will nicht von dir
gefressen werden." ich will dich fressen."


Ich verlöschend:

Zeit. ->
III. "ich will von dir IV. "ich will dich nicht fressen,
gefressen werden, ich ich will von dir
will dich nicht fressen." gefressen werden."



NIRVANA.

*

Das ist:
Ich, im Verlangen atmend,
will tun, nicht dulden;
will dulden, nicht tun.

*

Vierfacher Ausdruck für Eines: Ich auf vier Standorten--die vier
sogenannten Denkgesetze des Yavana.
Ich, im Verlangen atmend, bejaht und verneint in sich--bejaht
und verneint außer sich.--
Ich--in sich--außer sich--bejahend--verneinend--nennt
sich mit allen Namen dieser Welt:
Die Welt ist im verlangenden Ich--so erkennst du.

*

Also ist der erscheinende Wandel des Verlangens vom Ich zum
nicht-Ich, vom nicht-Ich zu s-Ich zurück; aus Tat--durch Widerstand
--zu Duldung; Ich-Atem--âtmâ.

*

Mit dem Zerfall im Ur-sprung erscheint Zerfall in Ich und
nicht-Ich, erscheint Zerfall in Willen und Unwillen, erscheint Zerfall
in Zeit und Raum--erscheint Welt-wirklichkeit.

*

Folge meinen Worten, o Teurer, mit offener Seele--ich führe dich
sicheren Weg. Doch laß dein Verständnis nicht an Worten haften,
erfasse über Worte hinaus; Worte sind Hindernis der Erkenntnis. Mit
wachsender Einsicht offenbart sich dir die gegensinnliche Einheit von
Erscheinung und Verlangen. Sprich es unverstanden nach--was
unverständlich scheint wird selbstverständlich.

* * *

Einheitliches Verlangen erscheint im Ich in Willen und Unwillen
gespalten.

*

Ich, zum Ziele wollend, stößt Ungewolltes unwillig von sich ab,
schafft im eigen-Willen Widerwillen. Widerwillen weicht vom Ich, wird
im gegen-Stand selbst-ständig, ist fremdes entgegenstehendes Wollen--:
Willen in mir--Willen außer mir--das ist Raum.
Raumerscheinung schafft sich durch Aus-legung des Widerwillens im
Ich.

*

Ich-willen, zum Hohenziele des Verlangens rastlos irrend, von
selbstgeschaffenem gegen-Stand zurückgestoßen, bleibt wollend,
wechselt im Willenszustand--: Willen in mir erst--Willen in mir
dann--das ist Zeit.
Zeiterscheinung schafft sich im Ich durch wechselnden Willen.

*

Das verlangende Ich schafft zeiträumliche Erscheinung.
Verlangen treibt dich zu Ausdehnung in Zeit und Raum. Je nachdem
du dich im atmenden Verlangen gefordert oder gehemmt empfindest, ist
Willen oder Widerwillen in dir. Verlangen der Welt willig ergriffen
ist eigener Willen; Verlangen der Welt unwillig abgewiesen ist
Widerwillen in dir. Was in dir seelisch empfunden Widerwille ist, ist
sinnlich aufgefaßt Widerstand im Raum, das ist fremder Wille wider
dich: 'ich will nicht' das heißt: 'du willst'. Was Ich aus sich
unwillig entläßt, wird räumliche Vorstellung: Du.
Der Atem des Verlangens in Anziehung oder Abstoßung erscheint im
Ich als Willensgegensatz. Willensgegensatz in sich faßt Ich zeitlich
auf; Willensgegensatz zu sich ist dem Ich Raum. Wechselnder Willen ist
Zeit; zu Unwillen gewechselter Willen ist Raum. Willig-un-williges
Verlangen in dir erscheint als zeit-räumliche Wirklichkeit außer dir.
Endloses Verlangen in dir erscheint als endloses Werden--
erscheint und ist.
Mit dem Zerfall im Ur-sprung erscheint Zerfall in Ich und
nicht-Ich, erscheint Zerfall in Willen und Gegenwillen, erscheint
Zerfall in Zeit und Raum
--erscheint und ist--

*

Wie du, von dir aus ut-teilend, Willen von Widerwillen
unterscheidest--beides in dir, beides Eines--du selbst, so unter-
scheidest du, von dir aus urteilend, Zeit von Raum--beides in dir,
beides Eines--du selbst.
Wie Unwillen in eigenem Willen zu fremdem Gegenwillen wird, so
wird Ein-bildung Zeit zu gegensätzlicher Vor-stellung Raum. Wie
'fressen' und 'gefressen werden' Eines ist im 'Fraß', wie Willen und
Unwillen Eines ist im Verlangen, so ist Zeit Erscheinung und
Raum-Erscheinung Eines in dir--dein Verlangen, du selbst.
Verlangen, vom Ich ausgesprochen, vom Widerschein des Ich--dem
nicht-Ich--wieder ausgesprochen, das ist: widersprochen--sieht
sich selbst gegenüber, tritt sich selbst entgegen, ist sich selbst
Gegensatz.
Suchender Wille ist Raum, im Suchen wechselnder Wille ist Zeit.

Also wurzelt in deinem Willen-un-Willen Zeit und Raum; also ist
Zeit-Raum-Erscheinung dein Verlangen.
Erkenntnis hiervon ist Lösung des Rätsels: Raum-Zeit-Einheit.

* * *

Was von Empfindungswellen dir erwünscht, willkommen zuströmt, was
du dir anzueignen gewillt bist, was du willfährig aufnimmst, was du
zustimmend bejahend wohlwollend auffaßt, was sich dir willig fügt, dir
zu Willen ist, worein du einwilligst, was zu deinem eigenen Willen, zu
dir selbst wird, dein Zustand, erscheint in dir--deine Seele
bewegend--in zeitlichen Formen.
Was, aus dir geboren, dich unwillkürlich befremdet, was du nicht
für dein eigen hältst, was nicht mehr du selbst bist, was du
unerwünscht erleidest, was dich anwidert, was dir widrig, widerwärtig,
zuwider ist, dein wider-Wille erscheint--deine Sinne bewegend--
außer dir, räumlich, als wider-Stand, als widerstehende Kraft aus dem
Raum.
Atmet Verlangen in dir, wandelst du Willen zu Unwillen, so
wandelst du Empfindung zu Anschauung, Einbildung zu Vorstellung,
Zustand zu Gegenstand, wandelst zeitlichen Wechsel zu räumlicher
Verschiedenheit, Zeit zu Raum: --und umgekehrt: ziehst du unwillig
Abgestoßenes, Gegenstand, Raum Gewordenes wieder willig an dich,
nimmst du, durch Aufhebung der Verneinung, den Gegensatz willig in
dich auf, so wandelst du deine Anschauung zu Empfindung, deine
Vorstellung zu Einbildung, deinen Gegenstand zu deinem Zustand,
räumliche Mannigfaltigkeit zu zeitlichem Wechsel, fremde Kraft zu
eigenem Willen, Raum zu Zeit.
Willenswandel deine Seele bewegend--seelisch empfunden--
erscheint dir zeitlich, Willenswandel deine Sinne bewegend--sinnlich
angeschaut--erscheint dir räumlich. Seelischer Wandel ist Zeit;
sinnlich körperlicher Wandel ist Raum. Bewegung deiner Seele--Zeit;
Bewegung deiner Sinne--Raum. Verlangen treibt dich und es wird Zeit
und Raum; beides Bewegung, beides Empfindung in dir.
Eigene Lust dein Wandel im Verlangen; eigenes Gefallen dein Wandel
in Zeit und Raum. Verlangend wandelst du in Zeit und Raum, verlangend
wandelst du dich zu Zeit und Raum, wandelst Zeit zu Raum, wie rechts
zu links, wandelst Raum zu Zeit, wie unten zu obem.

*

Aller Wille will nicht, aller Unwille will. Unwillen durch Willen,
Willen durch Unwillen--Wille und Wille untrennbar--Eines, wie Zeit
und Raum, wie oben und unten.
Versuche zu verstehen:
Wenn du wollend nicht willst und nicht wollend willst, was nicht
wollend dich will, was wollend dich nicht will, was dir unwillig
willig zu-kommt, was dir willig unwillig aus-kommt, nennst du mit
zeitlich räumlichen Namen. Was du willig Zeit oder Raum nennst, nennst
du unwillig Raum oder Zeit.
Zeit und Raum--Gestaltung deines Willens; Zeit und Raum--
andere Worte für deinen Willen und für das, was, wider deinen Willen,
wieder dein Wille ist--Gestaltung deiner selbst.

*

Ich Atem ist Einhauch und Aushauch, ist innen und außen, ist
zu-Stand und gegen-Stand, ist Wille und Unwille, ist Zeit und Raum,
Ich und nicht lch.
Also von Gegensatz zu Gegensatz atmend schafft Ich Zeit und Raum,
mit Zeit und Raum--die Welt, deines Verlangens sinnlicher
Widerschein.

*

Also ist der Atem des Verlangens Wille-un-Wille im Ich--aus Tat
durch Widerstand zu Duldung--Atem, Leben, Bewegung, Wandel, von
Ich-bestand I auf Ich-wider-Stand II und auf Ich-wieder-bestand III
zurück. Ich-Verlangen, wandelnd, zu seinem gegen-Stand und zu sich
selbst zurück ver-wandelt; Ich durch wider-Ich zu wieder-Ich; von Ich
zu Ich; Ich Atmen--âtmâ.

*

Und ferner, o Teurer, Verlangen in dir ist Schöpferkraft.
Von geringem Verständnis sind wir Menschen, blind vor Verlangen
erkennen wir offenen Auges das Nächste nicht. Was im Samsara
verlangend wächst, nennen wir unsern Willen; Hemmung unseres Willens
empfinden wir unwillig; empfundenen Unwillen legen wir aus als Wirkung
fremder Kraft.
Ausübend wandelst du eigenen Willen zu rückwirkender Kraft.
Wollend schaffst du Unwillen. Unwillen weist du von dir ab; darum
erscheint er außer dir, dir entfremdet, scheint fremde Kraft gegen
dich. Oder mit anderen Worten gesagt: weil es fremder Wille ist, darum
ist er nicht in dir--beides ist dasselbe.
Unwillen in dir ist Willen wider dich. Der eigene Wille-un-Wille
von dir ge-äußert, von dir ausgelegt, das ist: aus dir hinaus verlegt,
im gegen-Stand selbst ständig geworden, vom gegen-Stand
wider-stehend, als Widerstand auf dich rückwirkend, ist dir des
Gegenstandes Widerstandskraft. Wille in dir schafft mit
Not-wend-igkeit rückwirkende Kraft--Widerwille in dir ist Widerstand
außer dir.
Was Eines ist, benennst du mit unterscheidenden Namen. Was du in
dir Willen nennst, nennst du außer dir Kraft. Kraft in dir bewußt,
nennt sich Willen; Willen außer deinem Bewußtsein scheint dir
bewußtlose Kraft. Aller Wille ist Kraft, alle Kraft ist Willen. Wille
ist Kraft aus dir, Unwillen in dir ist Kraft gegen dich.
Aus dir fließt Willen und Kraft; Eines ist Willen und Kraft--
Verlangen in dir--du selbst. Sehend geworden erkennst du den eigenen
Willen in fremder Kraft, dich selbst im nicht-Ich.
In deinem Herzen ist die Auseinandertretung, deine eigene
Schöpfung die Unterscheidung: Zeit-Wille--Raum-Kraft. Ich ist Zeit
und Raum, Ich ist Wille und Kraft. Ich ist âkâsha, Ich ist kâma.

*

-- Ur-sprung --

Namen des Verlangens vom Ich aus.

Ich--nicht-Ich
m-Ich empfunden--d-Ich vorgestellt
in der Seele unmittelbar gewußt--mittelst der Sinne erfaßt
als eigen erkannt--als fremd verkannt
innen-Zustand--außen-Gegenstand
wechselndes Verlangen--Entzweiung einheitlichen Verlangens
geänderter Wille--eines anderen Wille
eigener Widerwille--fremder Widerstand
Wandel, seelische Empfindung--Wandel, körperliche Bewegung
Ursache--Wirkung
Wille--Kraft
Freiheit--Notwendigkeit
Einbildung--Vorstellung
ur-Teil--gegen-Teil
Zeit--Raum
Seele--Körper
werdende--gewordene

Welt.

* * *

Ich, durch-ur-Sprung--ur-Teil, un-zu-langend--ver-langt; Ich
ur-Teil verlangt nach dem gegen-Teil. Darum ist Ich Verlangen.
Alles Verlangen ruht auf Unzulänglichkeit, auf Bedürfnis, auf
Mangel, auf Gebrechen, auf Bedrängnis, auf Sehnsucht, auf Furcht und
Hoffnung, auf Not und Qual; alles Verlangen ruht auf Zwiespalt, auf
Zwiespalt der Seele, alles Verlangen auf ur-Sprung. Alles Verlangen
ist Verlangen nach er-Gänz-ung, Verlangen nach wieder-ver-Ein-igung
mit Gottheit.
Ich empfindet sich Bruchstück, darum hungert Ich nach dem
Entgangenen; darum lebt alles Ich außer sich, darum ist alles Ich
friedlos; darum sucht Ich, begehrt Ich, sehnt sich nach anderem,
bewegt sich, neigt sich, nähert sich anderem, nährt sich von anderem.
Eines Wesens ist, wenn der Spalt im Holz sich zu schließen trachtet--
wenn ein Ich bewußt will; Enzweiung will Zu-eins-paarung. Aus Einer
Quelle fließt: sich eines Anderen Seele nähern--sich von eines
Anderen Körper nähren.
Darum lebt Alles dieser Welt durch Nährung, durch Ein-ver-
leib-ung, durch an-Eign-ung; darum lebt alles Ich durch ein anderes
und lebt kein Ich ohne nicht-Ich, und lebt alles Ich durch nicht Ich
--seelisch wie sinnlich.
Also beschränkt sucht Ich Unbeschränktheit, also unvollständig
sucht Ich Vollständigkeit, also unvollkommen sucht Ich Vollkommenheit,
also verstoßen sucht Ich nach dem verlorenen Paradiese, also
vereinsamt und verlassen schreit Ich um Hilfe--es verlangt alles Ich
nach Allumfassen, nach Alleinheit, nach Vollendung--nach Nirvana.
Es verlangt m-Ich--Ich muß verlangen, muß außer sich wollen, muß
von Anderem leben, muß jagen und erbeuten, muß würgen und fressen.
Ich muß alles nicht-Ich zu sich wollen, muß an-eign-en wollen, muß
für sich lieben und hassen, muß wider alles nicht-Ich stehen, muß
allem nicht-Ich Gegner und Feind sein solange Ich 'Ich' ist. Es ist
kein Ausweg. Wer das Heil im Ich sucht, dem ist Selbstsucht geboten.
Alles ich lebt nur durch Selbstsucht. Alles Ich, blind durch
Ichheit, von Ichheit besessen, vermeint in s-Ich das höchste Gut zu
verteidigen--: zum Bewußtsein erwachende Gottheit.
Darum ist zwischen Ich und Ich ewige Tat, ewiger Widerstand,
ewiges Wirken, darum ist die Wirklichkeit dieser Welt ewiger Kampf.
Darüber ist gesagt: "aus Verlangen und Nährung hat Brahma diese
Welt gebildet".
Das Verlangen ist Lust; das Lust-verlangen ist endlos.
Wie ein Mann nach dem Weibe verlangt--und würde er auch in
solchem Verlangen ganz zum Weibe--nicht befriedigt ist, nunmehr nach
dem Manne verlangt, so verlangt das Ich nach dem, was es nicht ist,
und wenn es das Verlangte erlangt hat, ist es dennoch voll Verlangen.
Ich ist Verlangen, das Verlangen ist endlos.
Ich verlangt nach Allem, was es nicht ist. Ich, sich selbst im
Anderen verkennend, jagt nach sinnlich sinnlosem Ziele--endlose
Täuschung der Sinnenwelt--Sinnlosigkeit der Sinnenwelt--sinnlos,
weil sinnlich.
Alles Verlangen ist Verlangen zu sich, alles Verlangen ist Ich
Verlangen. Es gibt kein selbstloses Verlangen. Kein Ich ist leer von
Verlangen. Verlangen erfüllt, bewegt, belebt, beseelt das Ich. Ich ist
nur durch Verlangen. Ich in aller seiner Gestaltung ist Verlangen--
Ich, das verlangend, nie erlangt.

*

Auf Einem Gedanken ruht diese Welt:
Verlangen nach Wiedervereinigung mit Gottheit; im Verlangen ist
Bindung und--Lösung dieser Welt.
Nichts außerhalb des Verlangens; nichts was nicht im Verlangen zum
Ich in Beziehung steht. Verlangen ist allüberall, Verlangen ist
allgegenwärtig, Verlangen ist immer. Verlangen ist nie gestillt.
Verlangen birgt sich in allem Geschehen, in aller Tat, in allen
Gestalten, unter allen Namen dieser Welt--ver-Langen nach
ver-Einigung! sinnlich und seelisch.
Anziehung und Abstoßung ist Verlangen, brünstige Wünsche--
inbrünstiges Gebet, Liebe wie Haß. Niederste Gier ist Verlangen nach
dem Höchsten. Tiefster Samsara hat höchstes Ziel: Eines ist was dich
--dich Körper, dich Seele--zu Nahrung treibt, zu Erwerb, zu Weib
und Kind, zu Macht, zu Entsagung, zu Erkenntnis, All-Einheit,
Vollendung, nirvana.
Verlangen führt dich in die Welt, Verlangen hält dich in der Welt
befangen, Verlangen führt dich über diese Welt des Verlangens hinaus.
Also geschlossen im Verlangen ist die ewige Kette; also löst sich
aller Irrtum, alle Sünde dieser Welt: durch Verlangen ist Samsara,
durch Verlangen ist Nirvana.
Endloses Verlangen erscheint als endloses Werden.

*

Ur-teil-Ich-er-Schein-ung lebt nur Einen Gedanken:
Durch ur-Sprung--ent-Zwei-ung; durch Entzweiung--ver-Langen,
nach wieder-ver-Ein-igung.
Alles Ich will sich, will Alles zu sich,--en-will sich zum All.
Also hält Verlangen nach Vereinigung zu sich alles Ich
auseinander.
Durch Entzweiung--Vereinigung; durch Vereinigung--Entzweiung
--Unergründlichkeit--Ewigkeit des Ur-sprungs.
Die Ich-bin-heit hält Ich und Ich auseinander. Asmita ist Schöpfer
dieser Welt. Keine Erlösung im Samsara. Keine Seeligkeit, keine
Erlösung im Ich.
Ur-Teil-Ich durch ur-Srung ab-geschieden, unterscheidet: Ich--
Welt; sieht sich Bestand, Akasha; fühlt sich Verlangen, kâma;--
unterscheidet in Akasha atmend: Zeit--Raum; unterscheidet in Kâma
atmend: eigenen Willen--fremde Kraft--
Alle unter-scheidung durch ab-Scheidung im ur-Sprung in ur-Teil
und Gegen-Teil.
Sehend geworden erkennst du:
Es ist der Welt, die dich lebt, Atmen:
-- Atma --

*

O Teurer, wie ich es dir zunächst dargelegt habe, so mögen wir
Menschen der Erscheinung nach-denkend, uns der Wahrheit annähern. Nur
dem tief ernst Suchenden enthüllt sich die tiefe Lehre--upanishad--
der Menscheit Hoheziel--Hoheziel.

*

So lautet in Aranada-Upanishad der dritte adhyaya: Kâma,
Verlangen; nunmehr Karma, Wirklichkeit.




IV.
WIRKLICHKEIT DIESER WELT
-- karma --



Zu dem, was ich dir ferner zu sagen gedenke, o Teurer, wisse:
einfach ist alle Wahrheit, Vielheit ist Irrtum dieser Welt.
Wie das dichte Laubdach eines Urwaldes vor einem stürzenden Stamme
zerreißt und helles Tageslicht plötzlich die Dämmerung am Boden
überflutet--so brach bange Unwissenheit in sich zusammen und
überstrahlte mich das Licht der Erkenntnis; und was große Lehrer vor
mir als unausdenkbar erachtet hatten, als unergründlich, als ewiges
Geheimnis--trat in mir zutage, wuchs und erstarkte zu voller
Erkenntnis. Gesegnet sei die Stunde, da ich Gewißheit erlangte: also
ist, was sie Tatgesetz nennen, also ist Wirklichkeit: Karma--
Freiheit des Tuns--eherne Notwendigkeit.
Und schon einmal habe ich solche Erkenntnis ausgesprochen zu jenen
Zeiten, als der König der Videha mich befragte; aber unverstanden
blieb, was ich verkündete, unerkannt in seinen Tiefen--verlorene
Wahrheit offenbare ich dir wieder.

* * *

Aus ur-Sprung--: ur-Teil-Ich-Erscheinung; aus ur-Teil-Ich--:
ver-Langen; aus Verlangen--: Tat
-- KARMA --

*

Tat und Tatergebnis, Wirken und Wirklichkeit dieser Welt--in
dir, o Teurer, als Lust und Leid bewußt, als Tat und Duldung, als
Ursache und Wirkung, als Freiheit und Notwendigkeit--in dir, o
Teurer, als vergeltende Gerechtigkeit der Gottheit wach.

*

Also ist die Unterweisung:
Wie im dichtgeschlossenen Raume dein Atem die Luft verdirbt und
die verdorbene Luft auf dich vergiftend zurückwirkt--
--wie ein fliehender Feind, von dir verfolgt, sich wendet und
dich aus Tat und Angriff zu Abwehr und Leid zurückdrängt--
--wie das Geschoß der schwarzen Haut im Wurf auf dich zurückkehrt--
--wie dein Schwert, am Widerstand abprallend, dich selbst trifft--
--also ist Karma: Tat und Widerstand, Wirkung und Rückwirkung,
Ausgleich, Vergeltung, ewige Gerechtigkeit--Wirklichkeit dieser Welt.

* * *

Karma, Wirklichkeit dieser Welt, wirkt sich in dir aus Ursache und
Wirkung.
Ursache und Wirkung erscheint mit dem Zerfall in Ich und
nicht-Ich.
Du empfindest eigner Tat Ursache in dir, schaust eigner Tat
Wirkung außer dir, am wider-Stand; Widerstand ist Wirkung auf dich;
Wirkung auf dich begreifst du als fremder Tat Ursache. Ursache wird
Wirkung, Wirkung wird Ursache. Die Tat bedingt das Ergebnis, das
Ergebnis bedingt die Tat; Voraussetzung ist Enderfolg; Folge ist
Bedingung. Alle Wirkung ist in der Ursache; alle Wirkung ist
Widerwirkung, Ausgleich von Ursache und Wirkung--Wechselwirkung--
wie zwei Mühlsteine sich aneinander schärfen.--Eines Vorganges
geschiedene Auffassung in dir, ur-teilende Namen. Was du fremd
anschauend 'Ursache oder Wirkung' nennst, nennst du beteiligt 'Willen
oder Unwillen' in dir. Je nachdem du willig-un-willig tust oder
duldest, je nach Willen oder Unwillen in dir, erscheint verschieden,
was Eines ist.
Eines ist, was du willkürlich scheidest--Eines ist Tat aus dir
und Wirkung auf dich--Eines, was du seelisch auslegst und was du dir
sinnlich vorstellst. Tuend nennt sich Ursache, was leidend sich
Wirkung nennt, Beid-einheit--scheinbare Zweiheit durch zwiefache
Benennung desselben.
Vor der ewigen Ich-gegenwart erscheint, was Eines ist, zu einer
zeitlichen Kette auseinandergezogen, erscheint in Glieder zerstückt--
ineinander greifende Glieder einer unlöslichen Kette von Ursache und
Wirkung. Was in sich Eines ist, erscheint uns zeit-räumlich Schauenden
zu Aus-ein-ander-folge ausgedehnt.
Es scheint, als sei Zerfall in Ur-teil und Gegen-teil, als sei
Zu-stand und Gegen-stand, als sei Empfindung durch Wirkung des
Empfundenen, als sei Folge und Folglichkeit. Keine Zeit an sich, kein
Raum, keine Ursache, keine Wirkung, keine Folge, keine Folglichkeit.
Weil an sich keine Ursache ist, weil an sich keine Wirkung ist,
darum ist keine Ursächlichkeit an sich. Im scheinbar bedingenden Worte
"weil" liegt keine Ursächlichkeit; "weil" besagt nur: der weile, das
ist: zur selben Zeit--nichts mehr. Im scheinbar folgernden Worte
"darum" liegt keine Folgerung; "darum" besagt nur: daherum, das ist:
am selben Ort--nichts mehr. Scheinbare Zweierleiheit zur selben Zeit
am gleichen Ort ist Eines. Die scheinbar bedingenden, scheinbar
folgernden Worte aller Sprachen besagen nur: in Zeit und Raum
zusammenfallende Erscheinung, Beid-einheit--nichts mehr. Raumanstoß
ist Zeitfolge--Selbeinheit, nicht Folglichkeit.
Was du Ursächlichkeit, Folge, Folglichkeit nennst, ist Fluß
lückenloser Empfindung in dir, endlos in Einhauch und Aushauch atmende
Willensbeziehung zum endlos aus dir geschaffenen Gegen-stand.--
Nichts in der verlangenden Sinnenwelt, was nicht in Beziehung zu
deinem Verlangen steht. Sinnliche Erscheinung ist Ausdruck deines
seelischen Verlangens; Eines, durch rastlos irrendes Verlangen
geschieden, und so, seelisch geschieden, sinnlich als Verschiedenheit
geschaut. Wechselnde Eigenschaffung in dir erscheint außer dir als
Wechsel der Beschaffenheit; zu-Stand und gegen-Stand bedingen
einander; ändert sich dein Seelenzustand, so ändert sich deinen Sinnen
der Gegenstand--erfasse es wohl: beides ist Eines.
Folglichkeits-erscheinung ist sinnliche Anschauung des Wechselnden
im Beharrenden; Selbeinheits-erkenntnis ist seelisches Erschauen des
Beharrenden im Wechselnden. Anscheinende Gesetzmäßigkeit ruht auf
Vielheitstäuschung, das ist: deiner sinnlichen Auffassung
zeit-räumliches Aus-ein-ander-fallen des in sich Einheitlichen.
Folglichkeit--nur aus-ein-ander-gezerrtes Bild der Selbigkeit; ein
Hinweis, daß Raum und Zeit bloße Erscheinung sei und nicht in sich.
Kein Folglichkeitsgesetz dem Wissenden.
Zerfall in Ursache und Wirkung erscheint mit dem Zerfall in "Ich
und Du" im Ursprung; erscheint mit dem Zerfall des Ich in Zeit und
Raum.--Wie Nacht dem Tage folgt und Tag der Nacht, so folgt in
endloser Flucht des Geschehens Wirkung auf Ursache und Ursache auf
Wirkung. Ursache bewirkt und Wirkung verursacht. Wie einer Sohn seines
Vaters ist und Vater seines Sohnes, Vater und Sohn zugleich, so ist
Ursache Wirkung und ist Wirkung Ursache--Wirkung und Ursache
zugleich.
Vieler Worte bedarf es, Selbstverständliches darzulegen: Eines ist
Ursache und Wirkung--willkürliche, an sich nichtige Unterscheidung
in dir; doppelte Benennung des Einen, zwei Worte für dasselbe:
Wirklichkeit, Karma--durch dich--auf dich wirkend; Kreislauf des
Verlangens.

* * *

Und ferner, o Teurer, Karma, Wirklichkeit dieser Welt wirkt sich
in dir aus Freiheit und Notwendigkeit.
Freiheit des menschlichen Tuns, o Teurer? oder unabwendbare
Gesetzmäßigkeit alles Geschehens? Offenbar wird dem Erkennenden die
Lösung der großen Frage an aller Gestaltung, in jedem Vorgang, an
allem Werden, an allem Sein. Dasein; alles Gewordene aus gebundener
Freiheit. Du durchschaust das Rätsel am aufsteigenden Opferrauch, am


 


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