Wilhelm Meisters Lehrjahre--Buch 8 by Johann Wolfgang von Goethe
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Blick hinein tat. "Ich selbst habe der Gesellschaft und den Menschen
am wenigsten genutzt; ich bin ein sehr schlechter Lehrmeister, es ist
mir unerträglich zu sehen, wenn jemand ungeschickte Versuche macht,
einem Irrenden muß ich gleich zurufen, und wenn es ein Nachtwandler
wäre, den ich in Gefahr sähe, geradenweges den Hals zu brechen.
Darüber hatte ich nun immer meine Not mit dem Abbe, der behauptet, der
Irrtum könne nur durch das Irren geheilt werden. Auch über Sie haben
wir uns oft gestritten; er hatte Sie besonders in Gunst genommen, und
es will schon etwas heißen, in dem hohen Grade seine Aufmerksamkeit
auf sich zu ziehen. Sie müssen mir nachsagen, daß ich Ihnen, wo ich
Sie antraf, die reine Wahrheit sagte."--"Sie haben mich wenig
geschont", sagte Wilhelm, "und Sie scheinen Ihren Grundsätzen treu zu
bleiben."--"Was ist denn da zu schonen", versetzte Jarno, "wenn ein
junger Mensch von mancherlei guten Anlagen eine ganz falsche Richtung
nimmt?"--"Verzeihen Sie", sagte Wilhelm, "Sie haben mir streng genug
alle Fähigkeit zum Schauspieler abgesprochen; ich gestehe Ihnen, daß,
ob ich gleich dieser Kunst ganz entsagt habe, so kann ich mich doch
unmöglich bei mir selbst dazu für ganz unfähig erklären."--"Und bei
mir", sagte Jarno, "ist es doch so rein entschieden, daß, wer sich nur
selbst spielen kann, kein Schauspieler ist. Wer sich nicht dem Sinn
und der Gestalt nach in viele Gestalten verwandeln kann, verdient
nicht diesen Namen. So haben Sie zum Beispiel den Hamlet und einige
andere Rollen recht gut gespielt, bei denen Ihr Charakter, Ihre
Gestalt und die Stimmung des Augenblicks Ihnen zugute kamen. Das wäre
nun für ein Liebhabertheater und für einen jeden gut genug, der keinen
andern Weg vor sich sähe. "Man soll sich"", fuhr Jarno fort, indem er
auf die Rolle sah, ""vor einem Talente hüten, das man in
Vollkommenheit auszuüben nicht Hoffnung hat. Man mag es darin so weit
bringen, als man will, so wird man doch immer zuletzt, wenn uns einmal
das Verdienst des Meisters klar wird, den Verlust von Zeit und Kräften,
die man auf eine solche Pfuscherei gewendet hat, schmerzlich bedauern.
""
"Lesen Sie nichts!" sagte Wilhelm, "ich bitte Sie inständig, sprechen
Sie fort, erzählen Sie mir, klären Sie mich auf! Und so hat also der
Abbe mir zum Hamlet geholfen, indem er einen Geist
herbeischaffte?"--"Ja, denn er versicherte, daß es der einzige Weg sei,
Sie zu heilen, wenn Sie heilbar wären."--"Und darum ließ er mir den
Schleier zurück und hieß mich fliehen?"--"Ja, er hoffte sogar, mit der
Vorstellung des Hamlets sollte Ihre ganze Lust gebüßt sein. Sie
würden nachher das Theater nicht wieder betreten, behauptete er; ich
glaubte das Gegenteil und behielt recht. Wir stritten noch selbigen
Abend nach der Vorstellung darüber."--"Und Sie haben mich also spielen
sehen?"--"O gewiß!"--"Und wer stellte denn den Geist vor?"--"Das kann
ich selbst nicht sagen; entweder der Abbe oder sein Zwillingsbruder,
doch glaub ich, dieser, denn er ist um ein weniges größer."--"Sie
haben also auch Geheimnisse untereinander?"--"Freunde können und
müssen Geheimnisse voreinander haben; sie sind einander doch kein
Geheimnis."
"Es verwirrt mich schon das Andenken dieser Verworrenheit. Klären Sie
mich über den Mann auf, dem ich so viel schuldig bin und dem ich so
viel Vorwürfe zu machen habe."
"Was ihn uns so schätzbar macht", versetzte Jarno, "was ihm
gewissermaßen die Herrschaft über uns alle erhält, ist der freie und
scharfe Blick, den ihm die Natur über alle Kräfte, die im Menschen nur
wohnen und wovon sich jede in ihrer Art ausbilden läßt, gegeben hat.
Die meisten Menschen, selbst die vorzüglichen, sind nur beschränkt;
jeder schätzt gewisse Eigenschaften an sich und andern; nur die
begünstigt er, nur die will er ausgebildet wissen. Ganz
entgegengesetzt wirkt der Abbe, er hat Sinn für alles, Lust an allem,
es zu erkennen und zu befördern. Da muß ich doch wieder in die Rolle
sehen!" fuhr Jarno fort. ""Nur alle Menschen machen die Menschheit
aus, nur alle Kräfte zusammengenommen die Welt. Diese sind unter sich
oft im Widerstreit, und indem sie sich zu zerstören suchen, hält sie
die Natur zusammen und bringt sie wieder hervor. Von dem geringsten
tierischen Handwerkstriebe bis zur höchsten Ausübung der geistigsten
Kunst, vom Lallen und Jauchzen des Kindes bis zur trefflichsten
äußerung des Redners und Sängers, vom ersten Balgen der Knaben bis zu
den ungeheuren Anstalten, wodurch Länder erhalten und erobert werden,
vom leichtesten Wohlwollen und der flüchtigsten Liebe bis zur
heftigsten Leidenschaft und zum ernstesten Bunde, von dem reinsten
Gefühl der sinnlichen Gegenwart bis zu den leisesten Ahnungen und
Hoffnungen der entferntesten geistigen Zukunft, alles das und weit
mehr liegt im Menschen und muß ausgebildet werden; aber nicht in einem,
sondern in vielen. Jede Anlage ist wichtig, und sie muß entwickelt
werden. Wenn einer nur das Schöne, der andere nur das Nützliche
befördert, so machen beide zusammen erst einen Menschen aus. Das
Nützliche befördert sich selbst, denn die Menge bringt es hervor, und
alle können's nicht entbehren; das Schöne muß befördert werden, denn
wenige stellen's dar, und viele bedürfen's.""
"Halten Sie inne!" rief Wilhelm, "ich habe das alles gelesen."--"Nur
noch einige Zeilen", versetzte Jarno; "hier find ich den Abbe ganz
wieder: "Eine Kraft beherrscht die andere, aber keine kann die andere
bilden; in jeder Anlage liegt auch allein die Kraft, sich zu vollenden;
das verstehen so wenig Menschen, die doch lehren und wirken wollen.
""--"Und ich verstehe es auch nicht", versetzte Wilhelm.--"Sie werden
über diesen Text den Abbe noch oft genug hören, und so lassen Sie uns
nur immer recht deutlich sehen und festhalten, was an uns ist, und was
wir an uns ausbilden können; lassen Sie uns gegen die andern gerecht
sein, denn wir sind nur insofern zu achten, als wir zu schätzen wissen.
"--"Um Gottes willen! keine Sentenzen weiter! Ich fühle, sie sind ein
schlechtes Heilmittel für ein verwundetes Herz. Sagen Sie mir lieber
mit Ihrer grausamen Bestimmtheit, was Sie von mir erwarten und wie und
auf welche Weise Sie mich aufopfern wollen."--"Jeden Verdacht, ich
versichere Sie, werden Sie uns künftig abbitten. Es ist Ihre Sache,
zu prüfen und zu wählen, und die unsere, Ihnen beizustehn. Der Mensch
ist nicht eher glücklich, als bis sein unbedingtes Streben sich selbst
seine Begrenzung bestimmt. Nicht an mich halten Sie sich, sondern an
den Abbe; nicht an sich denken Sie, sondern an das, was Sie umgibt.
Lernen Sie zum Beispiel Lotharios Trefflichkeit einsehen, wie sein
überblick und seine Tätigkeit unzertrennlich miteinander verbunden
sind, wie er immer im Fortschreiten ist, wie er sich ausbreitet und
jeden mit fortreißt. Er führt, wo er auch sei, eine Welt mit sich,
seine Gegenwart belebt und feuert an. Sehen Sie unsern guten Medikus
dagegen! Es scheint gerade die entgegengesetzte Natur zu sein. Wenn
jener nur ins Ganze und auch in die Ferne wirkt, so richtet dieser
seinen hellen Blick nur auf die nächsten Dinge, er verschafft mehr die
Mittel zur Tätigkeit, als daß er die Tätigkeit hervorbrächte und
belebte; sein Handeln sieht einem guten Wirtschaften vollkommen
ähnlich, seine Wirksamkeit ist still, indem er einen jeden in seinem
Kreis befördert; sein Wissen ist ein beständiges Sammeln und
Ausspenden, ein Nehmen und Mitteilen im kleinen. Vielleicht könnte
Lothario in einem Tage zerstören, woran dieser jahrelang gebaut hat;
aber vielleicht teilt auch Lothario in einem Augenblick andern die
Kraft mit, das Zerstörte hundertfältig wiederherzustellen."--"Es ist
ein trauriges Geschäft", sagte Wilhelm, "wenn man über die reinen
Vorzüge der andern in einem Augenblicke denken soll, da man mit sich
selbst uneins ist; solche Betrachtungen stehen dem ruhigen Manne wohl
an, nicht dem, der von Leidenschaft und Ungewißheit bewegt ist.
"--"Ruhig und vernünftig zu betrachten ist zu keiner Zeit schädlich,
und indem wir uns gewöhnen, über die Vorzüge anderer zu denken,
stellen sich die unsern unvermerkt selbst an ihren Platz, und jede
falsche Tätigkeit, wozu uns die Phantasie lockt, wird alsdann gern von
uns aufgegeben. Befreien Sie wo möglich Ihren Geist von allem Argwohn
und aller ängstlichkeit! Dort kommt der Abbe, sein Sie ja freundlich
gegen ihn, bis Sie noch mehr erfahren, wieviel Dank Sie ihm schuldig
sind. Der Schalk! da geht er zwischen Natalien und Theresen; ich
wollte wetten, er denkt sich was aus. So wie er überhaupt gern ein
wenig das Schicksal spielt, so läßt er auch nicht von der Liebhaberei,
manchmal eine Heirat zu stiften."
Wilhelm, dessen leidenschaftliche und verdrießliche Stimmung durch
alle die klugen und guten Worte Jarnos nicht verbessert worden war,
fand höchst undelikat, daß sein Freund gerade in diesem Augenblick
eines solchen Verhältnisses erwähnte, und sagte, zwar lächelnd, doch
nicht ohne Bitterkeit: "Ich dächte, man überließe die Liebhaberei,
Heiraten zu stiften, Personen, die sich liebhaben."
VIII. Buch, 6. Kapitel
Sechstes Kapitel
Die Gesellschaft hatte sich eben wieder begegnet, und unsere Freunde
sahen sich genötigt, das Gespräch abzubrechen. Nicht lange, so ward
ein Kurier gemeldet, der einen Brief in Lotharios eigene Hände
übergeben wollte; der Mann ward vorgeführt, er sah rüstig und tüchtig
aus, seine Livree war sehr reich und geschmackvoll. Wilhelm glaubte
ihn zu kennen, und er irrte sich nicht, es war derselbe Mann, den er
damals Philinen und der vermeinten Mariane nachgeschickt hatte und der
nicht wieder zurückgekommen war. Eben wollte er ihn anreden, als
Lothario, der den Brief gelesen hatte, ernsthaft und fast verdrießlich
fragte: "Wie heißt Sein Herr?"
"Das ist unter allen Fragen", versetzte der Kurier mit Bescheidenheit,
"auf die ich am wenigsten zu antworten weiß; ich hoffe, der Brief wird
das Nötige vermelden; mündlich ist mir nichts aufgetragen."
"Es sei, wie ihm sei", versetzte Lothario mit Lächeln, "da Sein Herr
das Zutrauen zu mir hat, mir so hasenfüßig zu schreiben, so soll er
uns willkommen sein."--"Er wird nicht lange auf sich warten lassen",
versetzte der Kurier mit einer Verbeugung und entfernte sich.
"Vernehmet nur", sagte Lothario",die tolle, abgeschmackte Botschaft.
"Da unter allen Gästen", so schreibt der Unbekannte, "ein guter Humor
der angenehmste Gast sein soll, wenn er sich einstellt, und ich
denselben als Reisegefährten beständig mit mir herumführe, so bin ich
überzeugt, der Besuch, den ich Euer Gnaden und Liebden zugedacht habe,
wird nicht übel vermerkt werden, vielmehr hoffe ich mit der sämtlichen
hohen Familie vollkommener Zufriedenheit anzulangen und gelegentlich
mich wieder zu entfernen, der ich mich, und so weiter, Graf von
Schneckenfuß.""
"Das ist eine neue Familie", sagte der Abbe.
"Es mag ein Vikariatsgraf sein", versetzte Jarno.
"Das Geheimnis ist leicht zu erraten", sagte Natalie; "ich wette, es
ist Bruder Friedrich, der uns schon seit dem Tode des Oheims mit einem
Besuche droht."
"Getroffen, schöne und weise Schwester!" rief jemand aus einem nahen
Busche, und zugleich trat ein angenehmer, heiterer junger Mann hervor;
Wilhelm konnte sich kaum eines Schreies enthalten. "Wie?" rief er,
"unser blonder Schelm, der soll mir auch hier noch erscheinen?"
Friedrich ward aufmerksam, sah Wilhelmen an und rief: "Wahrlich,
weniger erstaunt wär ich gewesen, die berühmten Pyramiden, die doch in
ägypten so fest stehen, oder das Grab des Königs Mausolus, das, wie
man mir versichert hat, gar nicht mehr existiert, hier in dem Garten
meines Oheims zu finden als Euch, meinen alten Freund und vielfachen
Wohltäter. Seid mir besonders und schönstens gegrüßt!"
Nachdem er ringsherum alles bewillkommt und geküßt hatte, sprang er
wieder auf Wilhelmen los und rief: "Haltet mir ihn ja warm, diesen
Helden, Heerführer und dramatischen Philosophen! Ich habe ihn bei
unserer ersten Bekanntschaft schlecht, ja ich darf wohl sagen, mit der
Hechel frisiert, und er hat mir doch nachher eine tüchtige Tracht
Schläge erspart. Er ist großmütig wie Scipio, freigebig wie Alexander,
gelegentlich auch verliebt, doch ohne seine Nebenbuhler zu hassen.
Nicht etwa, daß er seinen Feinden Kohlen aufs Haupt sammelte, welches,
wie man sagt, ein schlechter Dienst sein soll, den man jemanden
erzeigen kann, nein, er schickt vielmehr den Freunden, die ihm sein
Mädchen entführen, gute und treue Diener nach, damit ihr Fuß an keinen
Stein stoße."
In diesem Geschmack fuhr er unaufhaltsam fort, ohne daß jemand ihm
Einhalt zu tun imstande gewesen wäre, und da niemand in dieser Art ihm
erwidern konnte, so behielt er das Wort ziemlich allein. "Verwundert
euch nicht", rief er aus, "über meine große Belesenheit in heiligen
und Profan-Skribenten; ihr sollt erfahren, wie ich zu diesen
Kenntnissen gelangt bin." Man wollte von ihm wissen, wie es ihm gehe,
wo er herkomme; allein er konnte vor lauter Sittensprüchen und alten
Geschichten nicht zur deutlichen Erklärung gelangen.
Natalie sagte leise zu Theresen: "Seine Art von Lustigkeit tut mir
wehe; ich wollte wetten, daß ihm dabei nicht wohl ist."
Da Friedrich außer einigen Späßen, die ihm Jarno erwiderte, keinen
Anklang für seine Possen in der Gesellschaft fand, sagte er: "Es
bleibt mir nichts übrig, als mit der ernsthaften Familie auch
ernsthaft zu werden, und weil mir unter solchen bedenklichen Umständen
sogleich meine sämtliche Sündenlast schwer auf die Seele fällt, so
will ich mich kurz und gut zu einer Generalbeichte entschließen, wovon
ihr aber, meine werten Herrn und Damen, nichts vernehmen sollt.
Dieser edle Freund hier, dem schon einiges von meinem Leben und Tun
bekannt ist, soll es allein erfahren, um so mehr, als er allein
darnach zu fragen einige Ursache hat. Wäret Ihr nicht neugierig zu
wissen", fuhr er gegen Wilhelmen fort, "wie und wo? wer? wann und
warum? wie sieht's mit der Konjugation des griechischen Verbi Phileo,
Philoh und mit den Derivativis dieses allerliebsten Zeitwortes aus?"
Somit nahm er Wilhelmen beim Arme, führte ihn fort, indem er ihn auf
alle Weise drückte und küßte.
Kaum war Friedrich auf Wilhelms Zimmer gekommen, als er im Fenster ein
Pudermesser liegen fand mit der Inschrift: "Gedenke mein". "Ihr hebt
Eure werten Sachen gut auf!" sagte er, "wahrlich, das ist Philinens
Pudermesser, das sie Euch jenen Tag schenkte, als ich Euch so gerauft
hatte. Ich hoffe, Ihr habt des schönen Mädchens fleißig dabei gedacht,
und versichere Euch, sie hat Euch auch nicht vergessen, und wenn ich
nicht jede Spur von Eifersucht schon lange aus meinem Herzen verbannt
hätte, so würde ich Euch nicht ohne Neid ansehen."
"Reden Sie nichts mehr von diesem Geschöpfe", versetzte Wilhelm. "Ich
leugne nicht, daß ich den Eindruck ihrer angenehmen Gegenwart lange
nicht loswerden konnte, aber das war auch alles."
"Pfui! schämt Euch", rief Friedrich, "wer wird eine Geliebte
verleugnen? Und Ihr habt sie so komplett geliebt, als man es nur
wünschen konnte. Es verging kein Tag, daß Ihr dem Mädchen nicht etwas
schenktet, und wenn der Deutsche schenkt, liebt er gewiß. Es blieb
mir nichts übrig, als sie Euch zuletzt wegzuputzen, und dem roten
Offizierchen ist es denn auch endlich geglückt."
"Wie? Sie waren der Offizier, den wir bei Philinen antrafen und mit
dem sie wegreiste?"
"Ja", versetzte Friedrich, "den Sie für Marianen hielten. Wir haben
genug über den Irrtum gelacht."
"Welche Grausamkeit!" rief Wilhelm, "mich in einer solchen Ungewißheit
zu lassen."
"Und noch dazu den Kurier, den Sie uns nachschickten, gleich in
Dienste zu nehmen!" versetzte Friedrich. "Es ist ein tüchtiger Kerl
und ist diese Zeit nicht von unserer Seite gekommen. Und das Mädchen
lieb ich noch immer so rasend wie jemals. Mir hat sie's ganz eigens
angetan, daß ich mich ganz nahezu in einem mythologischen Falle
befinde und alle Tage befürchte, verwandelt zu werden."
"Sagen Sie mir nur", fragte Wilhelm, "wo haben Sie Ihre ausgebreitete
Gelehrsamkeit her? Ich höre mit Verwunderung der seltsamen Manier zu,
die Sie angenommen haben, immer mit Beziehung auf alte Geschichten und
Fabeln zu sprechen."
"Auf die lustigste Weise", sagte Friedrich, "bin ich gelehrt, und zwar
sehr gelehrt worden. Philine ist nun bei mir, wir haben einem Pachter
das alte Schloß eines Rittergutes abgemietet, worin wir wie die
Kobolde aufs lustigste leben. Dort haben wir eine zwar kompendiöse,
aber doch ausgesuchte Bibliothek gefunden, enthaltend eine Bibel in
Folio, "Gottfrieds Chronik", zwei Bände "Theatrum Europaeum", die
"Acerra Philologica", Gryphii Schriften und noch einige minder
wichtige Bücher. Nun hatten wir denn doch, wenn wir ausgetobt hatten,
manchmal Langeweile, wir wollten lesen, und ehe wir's uns versahen,
ward unsere Weile noch länger. Endlich hatte Philine den herrlichen
Einfall, die sämtlichen Bücher auf einem großen Tisch aufzuschlagen,
wir setzten uns gegeneinander und lasen gegeneinander, und immer nur
stellenweise, aus einem Buch wie aus dem andern. Das war nun eine
rechte Lust! Wir glaubten wirklich in guter Gesellschaft zu sein, wo
man für unschicklich hält, irgendeine Materie zu lange fortsetzen oder
wohl gar gründlich erörtern zu wollen; wir glaubten in lebhafter
Gesellschaft zu sein, wo keins das andere zum Wort kommen läßt. Diese
Unterhaltung geben wir uns regelmäßig alle Tage und werden dadurch
nach und nach so gelehrt, daß wir uns selbst darüber verwundern.
Schon finden wir nichts Neues mehr unter der Sonne, zu allem bietet
uns unsere Wissenschaft einen Beleg an. Wir variieren diese Art, uns
zu unterrichten, auf gar vielerlei Weise. Manchmal lesen wir nach
einer alten, verdorbenen Sanduhr, die in einigen Minuten ausgelaufen
ist. Schnell dreht sie das andere herum und fängt aus einem Buche zu
lesen an, und kaum ist wieder der Sand im untern Glase, so beginnt das
andere schon wieder seinen Spruch, und so studieren wir wirklich auf
wahrhaft akademische Weise, nur daß wir kürzere Stunden haben und
unsere Studien äußerst mannigfaltig sind."
"Diese Tollheit begreife ich wohl", sagte Wilhelm, "wenn einmal so ein
lustiges Paar beisammen ist; wie aber das lockere Paar so lange
beisammen bleiben kann, das ist mir nicht so bald begreiflich."
"Das ist", rief Friedrich, "eben das Glück und das Unglück: Philine
darf sich nicht sehen lassen, sie mag sich selbst nicht sehen, sie ist
guter Hoffnung. Unförmlicher und lächerlicher ist nichts in der Welt
als sie. Noch kurz, ehe ich wegging, kam sie zufälligerweise vor den
Spiegel. "Pfui Teufel!" sagte sie und wendete das Gesicht ab, "die
leibhaftige Frau Melina! Das garstige Bild! Man sieht doch ganz
niederträchtig aus!""
"Ich muß gestehen", versetzte Wilhelm lächelnd, "daß es ziemlich
komisch sein mag, euch als Vater und Mutter beisammen zu sehen."
"Es ist ein recht närrischer Streich", sagte Friedrich, "daß ich noch
zuletzt als Vater gelten soll. Sie behauptet's, und die Zeit trifft
auch. Anfangs machte mich der verwünschte Besuch, den sie Euch nach
dem "Hamlet" abgestattet hatte, ein wenig irre."
"Was für ein Besuch?"
"Ihr werdet das Andenken daran doch nicht ganz und gar verschlafen
haben? Das allerliebste, fühlbare Gespenst jener Nacht, wenn Ihr's
noch nicht wißt, war Philine. Die Geschichte war mir freilich eine
harte Mitgift, doch wenn man sich so etwas nicht mag gefallen lassen,
so muß man gar nicht lieben. Die Vaterschaft beruht überhaupt nur auf
der überzeugung; ich bin überzeugt, und also bin ich Vater. Da seht
Ihr, daß ich die Logik auch am rechten Orte zu brauchen weiß. Und
wenn das Kind sich nicht gleich nach der Geburt auf der Stelle zu Tode
lacht, so kann es, wo nicht ein nützlicher, doch angenehmer Weltbürger
werden."
Indessen die Freunde sich auf diese lustige Weise von leichtfertigen
Gegenständen unterhielten, hatte die übrige Gesellschaft ein
ernsthaftes Gespräch angefangen. Kaum hatten Friedrich und Wilhelm
sich entfernt, als der Abbe die Freunde unvermerkt in einen Gartensaal
führte und, als sie Platz genommen hatten, seinen Vortrag begann.
"Wir haben", sagte er, "im allgemeinen behauptet, daß Fräulein Therese
nicht die Tochter ihrer Mutter sei; es ist nötig, daß wir uns hierüber
auch nun im einzelnen erklären. Hier ist die Geschichte, die ich
sodann auf alle Weise zu belegen und zu beweisen mich erbiete.
Frau von *** lebte die ersten Jahre ihres Ehestandes mit ihrem Gemahl
in dem besten Vernehmen, nur hatten sie das Unglück, daß die Kinder,
zu denen einigemal Hoffnung war, tot zur Welt kamen und bei dem
dritten die ärzte der Mutter beinahe den Tod verkündigten und ihn bei
einem folgenden als ganz unvermeidlich weissagten. Man war genötigt,
sich zu entschließen, man wollte das Eheband nicht aufheben, man
befand sich, bürgerlich genommen, zu wohl. Frau von *** suchte in der
Ausbildung ihres Geistes, in einer gewissen Repräsentation, in den
Freuden der Eitelkeit eine Art von Entschädigung für das Mutterglück,
das ihr versagt war. Sie sah ihrem Gemahl mit sehr viel Heiterkeit
nach, als er Neigung zu einem Frauenzimmer faßte, welche die ganze
Haushaltung versah, eine schöne Gestalt und einen sehr soliden
Charakter hatte. Frau von *** bot nach kurzer Zeit einer Einrichtung
selbst die Hände, nach welcher das gute Mädchen sich Theresens Vater
überließ, in der Besorgung des Hauswesens fortfuhr und gegen die Frau
vom Hause fast noch mehr Dienstfertigkeit und Ergebung als vorher
bezeigte.
Nach einiger Zeit erklärte sie sich guter Hoffnung, und die beiden
Eheleute kamen bei dieser Gelegenheit, obwohl aus ganz verschiedenen
Anlässen, auf einerlei Gedanken. Herr von *** wünschte das Kind
seiner Geliebten als sein rechtmäßiges im Hause einzuführen, und Frau
von ***, verdrießlich, daß durch die Indiskretion ihres Arztes ihr
Zustand in der Nachbarschaft hatte verlauten wollen, dachte durch ein
untergeschobenes Kind sich wieder in Ansehn zu setzen und durch eine
solche Nachgiebigkeit ein übergewicht im Hause zu erhalten, das sie
unter den übrigen Umständen zu verlieren fürchtete. Sie war
zurückhaltender als ihr Gemahl, sie merkte ihm seinen Wunsch ab und
wußte, ohne ihm entgegenzugehn, eine Erklärung zu erleichtern. Sie
machte ihre Bedingungen und erhielt fast alles, was sie verlangte, und
so entstand das Testament, worin so wenig für das Kind gesorgt zu sein
schien. Der alte Arzt war gestorben, man wendete sich an einen jungen,
tätigen, gescheiten Mann, er ward gut belohnt, und er konnte selbst
eine Ehre darin suchen, die Unschicklichkeit und übereilung seines
abgeschiedenen Kollegen ins Licht zu setzen und zu verbessern. Die
wahre Mutter willigte nicht ungern ein, man spielte die Verstellung
sehr gut, Therese kam zur Welt und wurde einer Stiefmutter zugeeignet,
indes ihre wahre Mutter ein Opfer dieser Verstellung ward, indem sie
sich zu früh wieder herauswagte, starb und den guten Mann trostlos
hinterließ.
Frau von *** hatte indessen ganz ihre Absicht erreicht, sie hatte vor
den Augen der Welt ein liebenswürdiges Kind, mit dem sie übertrieben
parodierte, sie war zugleich eine Nebenbuhlerin losgeworden, deren
Verhältnis sie denn doch mit neidischen Augen ansah und deren Einfluß
sie, für die Zukunft wenigstens, heimlich fürchtete; sie überhäufte
das Kind mit Zärtlichkeit und wußte ihren Gemahl in vertraulichen
Stunden durch eine so lebhafte Teilnahme an seinem Verlust dergestalt
an sich zu ziehen, daß er sich ihr, man kann wohl sagen, ganz ergab,
sein Glück und das Glück seines Kindes in ihre Hände legte und kaum
kurze Zeit vor seinem Tode, und noch gewissermaßen nur durch seine
erwachsene Tochter, wieder Herr im Hause ward. Das war, schöne
Therese, das Geheimnis, das Ihnen Ihr kranker Vater wahrscheinlich so
gern entdeckt hätte, das ist's, was ich Ihnen jetzt, eben da der junge
Freund, der durch die sonderbarste Verknüpfung von der Welt Ihr
Bräutigam geworden ist, in der Gesellschaft fehlt, umständlich
vorlegen wollte. Hier sind die Papiere, die aufs strengste beweisen,
was ich behauptet habe. Sie werden daraus zugleich erfahren, wie
lange ich schon dieser Entdeckung auf der Spur war und wie ich doch
erst jetzt zur Gewißheit kommen konnte; wie ich nicht wagte, meinem
Freund etwas von der Möglichkeit des Glücks zu sagen, da es ihn zu
tief gekränkt haben würde, wenn diese Hoffnung zum zweiten Male
verschwunden wäre. Sie werden Lydiens Argwohn begreifen: denn ich
gestehe gern, daß ich die Neigung unseres Freundes zu diesem guten
Mädchen keineswegs begünstigte, seitdem ich seiner Verbindung mit
Theresen wieder entgegensah."
Niemand erwiderte etwas auf diese Geschichte. Die Frauenzimmer gaben
die Papiere nach einigen Tagen zurück, ohne derselben weiter zu
erwähnen.
Man hatte Mittel genug in der Nähe, die Gesellschaft, wenn sie
beisammen war, zu beschäftigen, auch bot die Gegend so manche Reize
dar, daß man sich gern darin teils einzeln, teils zusammen, zu Pferde,
zu Wagen oder zu Fuße umsah. Jarno richtete bei einer solchen
Gelegenheit seinen Auftrag an Wilhelmen aus, legte ihm die Papiere vor,
schien aber weiter keine Entschließung von ihm zu verlangen.
"In diesem höchst sonderbaren Zustand, in dem ich mich befinde", sagte
Wilhelm darauf, "brauche ich Ihnen nur das zu wiederholen, was ich
sogleich anfangs in Gegenwart Nataliens und gewiß mit einem reinen
Herzen gesagt habe: Lothario und seine Freunde können jede Art von
Entsagung von mir fordern, ich lege Ihnen hiermit alle meine Ansprüche
an Theresen in die Hand, verschaffen Sie mir dagegen meine förmliche
Entlassung. Oh! es bedarf, mein Freund, keines großen Bedenkens, mich
zu entschließen. Schon diese Tage hab ich gefühlt, daß Therese Mühe
hat, nur einen Schein der Lebhaftigkeit, mit der sie mich zuerst hier
begrüßte, zu erhalten. Ihre Neigung ist mir entwendet, oder vielmehr
ich habe sie nie besessen."
"Solche Fälle möchten sich wohl besser nach und nach unter Schweigen
und Erwarten aufklären", versetzte Jarno, "als durch vieles Reden,
wodurch immer eine Art von Verlegenheit und Gärung entsteht."
"Ich dächte vielmehr", sagte Wilhelm, "daß gerade dieser Fall der
ruhigsten und der reinsten Entscheidung fähig sei. Man hat mir so oft
den Vorwurf des Zauderns und der Ungewißheit gemacht; warum will man
jetzt, da ich entschlossen bin, geradezu einen Fehler, den man an mir
tadelte, gegen mich selbst begehn? Gibt sich die Welt nur darum
soviel Mühe, uns zu bilden, um uns fühlen zu lassen, daß sie sich
nicht bilden mag? Ja, gönnen Sie mir recht bald das heitere Gefühl,
ein Mißverhältnis loszuwerden, in das ich mit den reinsten Gesinnungen
von der Welt geraten bin."
Ungeachtet dieser Bitte vergingen einige Tage, in denen er nichts von
dieser Sache hörte, noch auch eine weitere Veränderung an seinen
Freunden bemerkte; die Unterhaltung war vielmehr bloß allgemein und
gleichgültig.
VIII. Buch, 7. Kapitel
Siebentes Kapitel
Einst saßen Natalie, Jarno und Wilhelm zusammen, und Natalie begann:
"Sie sind nachdenklich, Jarno, ich kann es Ihnen schon einige Zeit
abmerken."
"Ich bin es", versetzte der Freund, "und ich sehe ein wichtiges
Geschäft vor mir, das bei uns schon lange vorbereitet ist und jetzt
notwendig angegriffen werden muß. Sie wissen schon etwas im
allgemeinen davon, und ich darf wohl vor unserm jungen Freunde davon
reden, weil es auf ihn ankommen soll, ob er teil daran zu nehmen Lust
hat. Sie werden mich nicht lange mehr sehen, denn ich bin im Begriff,
nach Amerika überzuschiffen."
"Nach Amerika?" versetzte Wilhelm lächelnd; "ein solches Abenteuer
hätte ich nicht von Ihnen erwartet, noch weniger, daß Sie mich zum
Gefährten ausersehen würden."
"Wenn Sie unsern Plan ganz kennen", versetzte Jarno, "so werden Sie
ihm einen bessern Namen geben und vielleicht für ihn eingenommen
werden, Hören Sie mich an! Man darf nur ein wenig mit den Welthändeln
bekannt sein, um zu bemerken, daß uns große Veränderungen bevorstehn
und daß die Besitztümer beinahe nirgends mehr recht sicher sind."
"Ich habe keinen deutlichen Begriff von den Welthändeln", fiel Wilhelm
ein, "und habe mich erst vor kurzem um meine Besitztümer bekümmert.
Vielleicht hätte ich wohlgetan, sie mir noch länger aus dem Sinne zu
schlagen, da ich bemerken muß, daß die Sorge für ihre Erhaltung so
hypochondrisch macht."
"Hören Sie mich aus", sagte Jarno; "die Sorge geziemt dem Alter, damit
die Jugend eine Zeitlang sorglos sein könne. Das Gleichgewicht in den
menschlichen Handlungen kann leider nur durch Gegensätze hergestellt
werden. Es ist gegenwärtig nichts weniger als rätlich, nur an einem
Ort zu besitzen, nur einem Platze sein Geld anzuvertrauen, und es ist
wieder schwer, an vielen Orten Aufsicht darüber zu führen; wir haben
uns deswegen etwas anders ausgedacht: aus unserm alten Turm soll eine
Sozietät ausgehen, die sich in alle Teile der Welt ausbreiten, in die
man aus jedem Teile der Welt eintreten kann. Wir assekurieren uns
untereinander unsere Existenz auf den einzigen Fall, daß eine
Staatsrevolution den einen oder den andern von seinen Besitztümern
völlig vertriebe. Ich gehe nun hinüber nach Amerika, um die guten
Verhältnisse zu benutzen, die sich unser Freund bei seinem dortigen
Aufenthalt gemacht hat. Der Abbe will nach Rußland gehn, und Sie
sollen die Wahl haben, wenn Sie sich an uns anschließen wollen, ob Sie
Lothario in Deutschland beistehn oder mit mir gehen wollen. Ich
dächte, Sie wählten das letzte: denn eine große Reise zu tun ist für
einen jungen Mann äußerst nützlich."
Wilhelm nahm sich zusammen und antwortete: "Der Antrag ist aller
überlegung wert, denn mein Wahlspruch wird doch nächstens sein: "Je
weiter weg, je besser." Sie werden mich, hoffe ich, mit Ihrem Plane
näher bekannt machen. Es kann von meiner Unbekanntschaft mit der Welt
herrühren, mir scheinen aber einer solchen Verbindung sich
unüberwindliche Schwierigkeiten entgegenzusetzen."
"Davon sich die meisten nur dadurch heben werden", versetzte Jarno,
"daß unser bis jetzt nur wenig sind, redliche, gescheite und
entschlossene Leute, die einen gewissen allgemeinen Sinn haben, aus
dem allein der gesellige Sinn entstehen kann."
Friedrich, der bisher nur zugehört hatte, versetzte darauf: "Und wenn
ihr mir ein gutes Wort gebt, gehe ich auch mit."
Jarno schüttelte den Kopf.
"Nun, was habt ihr an mir auszusetzen?" fuhr Friedrich fort. "Bei
einer neuen Kolonie werden auch junge Kolonisten erfordert, und die
bring ich gleich mit; auch lustige Kolonisten, das versichre ich euch.
Und dann wüßte ich noch ein gutes junges Mädchen, das hierhüben nicht
mehr am Platz ist, die süße, reizende Lydie. Wo soll das arme Kind
mit seinem Schmerz und Jammer hin, wenn sie ihn nicht gelegentlich in
die Tiefe des Meeres werfen kann und wenn sich nicht ein braver Mann
ihrer annimmt? Ich dächte, mein Jugendfreund, da Ihr doch im Gange
seid, Verlassene zu trösten, Ihr entschlößt Euch, jeder nähme sein
Mädchen unter den Arm, und wir folgten dem alten Herrn."
Dieser Antrag verdroß Wilhelmen. Er antwortete mit verstellter Ruhe:
"Weiß ich doch nicht einmal, ob sie frei ist, und da ich überhaupt im
Werben nicht glücklich zu sein scheine, so möchte ich einen solchen
Versuch nicht machen."
Natalie sagte darauf: "Bruder Friedrich, du glaubst, weil du für dich
so leichtsinnig handelst, auch für andere gelte deine Gesinnung.
Unser Freund verdient ein weibliches Herz, das ihm ganz angehöre, das
nicht an seiner Seite von fremden Erinnerungen bewegt werde; nur mit
einem höchst vernünftigen und reinen Charakter wie Theresens war ein
Wagestück dieser Art zu raten."
"Was Wagestück!" rief Friedrich, "in der Liebe ist alles Wagestück.
Unter der Laube oder vor dem Altar, mit Umarmungen oder goldenen
Ringen, beim Gesange der Heimchen oder bei Trompeten und Pauken, es
ist alles nur ein Wagestück, und der Zufall tut alles."
"Ich habe immer gesehen", versetzte Natalie, "daß unsere Grundsätze
nur ein Supplement zu unsern Existenzen sind. Wir hängen unsern
Fehlern gar zu gern das Gewand eines gültigen Gesetzes um. Gib nur
acht, welchen Weg dich die Schöne noch führen wird, die dich auf eine
so gewaltsame Weise angezogen hat und festhält."
"Sie ist selbst auf einem sehr guten Wege", versetzte Friedrich, "auf
dem Wege zur Heiligkeit. Es ist freilich ein Umweg, aber desto
lustiger und sichrer; Maria von Magdala ist ihn auch gegangen, und wer
weiß, wieviel andere. überhaupt, Schwester, wenn von Liebe die Rede
ist, solltest du dich gar nicht dreinmischen. Ich glaube, du
heiratest nicht eher, als bis irgendwo eine Braut fehlt, und du gibst
dich alsdann nach deiner gewohnten Gutherzigkeit auch als Supplement
irgendeiner Existenz hin. Also laß uns nur jetzt mit diesem
Seelenverkäufer da unsern Handel schließen und über unsere
Reisegesellschaft einig werden."
"Sie kommen mit Ihren Vorschlägen zu spät", sagte Jarno, "für Lydien
ist gesorgt."
"Und wie?" fragte Friedrich.
"Ich habe ihr selbst meine Hand angeboten", versetzte Jarno.
"Alter Herr", sagte Friedrich, "da macht Ihr einen Streich, zu dem man,
wenn man ihn als ein Substantivum betrachtet, verschiedene Adjektiva,
und folglich, wenn man ihn als Subjekt betrachtet, verschiedene
Prädikate finden könnte."
"Ich muß aufrichtig gestehen", versetzte Natalie, "es ist ein
gefährlicher Versuch, sich ein Mädchen zuzueignen in dem Augenblicke,
da sie aus Liebe zu einem andern verzweifelt."
"Ich habe es gewagt", versetzte Jarno, "sie wird unter einer gewissen
Bedingung mein. Und glauben Sie mir, es ist in der Welt nichts
schätzbarer als ein Herz, das der Liebe und der Leidenschaft fähig ist.
Ob es geliebt habe, ob es noch liebe, darauf kommt es nicht an. Die
Liebe, mit der ein anderer geliebt wird, ist mir beinahe reizender als
die, mit der ich geliebt werden könnte; ich sehe die Kraft, die Gewalt
eines schönen Herzens, ohne daß die Eigenliebe mir den reinen Anblick
trübt."
"Haben Sie Lydien in diesen Tagen schon gesprochen?" versetzte Natalie.
Jarno nickte lächelnd; Natalie schüttelte den Kopf und sagte, indem
sie aufstand: "Ich weiß bald nicht mehr, was ich aus euch machen soll,
aber mich sollt ihr gewiß nicht irremachen."
Sie wollte sich eben entfernen, als der Abbe mit einem Brief in der
Hand hereintrat und zu ihr sagte: "Bleiben Sie! Ich habe hier einen
Vorschlag, bei dem Ihr Rat willkommen sein wird. Der Marchese, der
Freund Ihres verstorbenen Oheims, den wir seit einiger Zeit erwarten,
muß in diesen Tagen hier sein. Er schreibt mir, daß ihm doch die
deutsche Sprache nicht so geläufig sei, als er geglaubt, daß er eines
Gesellschafters bedürfe, der sie vollkommen nebst einigem andern
besitze; da er mehr wünsche, in wissenschaftliche als politische
Verbindungen zu treten, so sei ihm ein solcher Dolmetscher
unentbehrlich. Ich wüßte niemand geschickter dazu als unsern jungen
Freund. Er kennt die Sprache, ist sonst in vielem unterrichtet, und
es wird für ihn selbst ein großer Vorteil sein, in so guter
Gesellschaft und unter so vorteilhaften Umständen Deutschland zu sehen.
Wer sein Vaterland nicht kennt, hat keinen Maßstab für fremde Länder.
Was sagen Sie, meine Freunde? Was sagen Sie, Natalie?"
Niemand wußte gegen den Antrag etwas einzuwenden; Jarno schien seinen
Vorschlag, nach Amerika zu reisen, selbst als kein Hindernis anzusehn,
indem er ohnehin nicht sogleich aufbrechen würde; Natalie schwieg, und
Friedrich führte verschiedene Sprüchwörter über den Nutzen des Reisens
an.
Wilhelm war über diesen neuen Vorschlag im Herzen so entrüstet, daß er
es kaum verbergen konnte. Er sah eine Verabredung, ihn baldmöglichst
loszuwerden, nur gar zu deutlich, und was das Schlimmste war, man ließ
sie so offenbar, so ganz ohne Schonung sehen. Auch der Verdacht, den
Lydie bei ihm erregt, alles, was er selbst erfahren hatte, wurde
wieder aufs neue vor seiner Seele lebendig, und die natürliche Art,
wie Jarno ihm alles ausgelegt hatte, schien ihm auch nur eine
künstliche Darstellung zu sein.
Er nahm sich zusammen und antwortete: "Dieser Antrag verdient
allerdings eine reifliche überlegung."
"Eine geschwinde Entschließung möchte nötig sein", versetzte der Abbe.
"Dazu bin ich jetzt nicht gefaßt", antwortete Wilhelm. "Wir können
die Ankunft des Mannes abwarten und dann sehen, ob wir zusammen passen.
Eine Hauptbedingung aber muß man zum voraus eingehen: daß ich meinen
Felix mitnehmen und ihn überall mit hinführen darf."
"Diese Bedingung wird schwerlich zugestanden werden", versetzte der
Abbe.
"Und ich sehe nicht", rief Wilhelm aus, "warum ich mir von irgendeinem
Menschen sollte Bedingungen vorschreiben lassen und warum ich, wenn
ich einmal mein Vaterland sehen will, einen Italiener zur Gesellschaft
brauche."
"Weil ein junger Mensch", versetzte der Abbe mit einem gewissen
imponierenden Ernste, "immer Ursache hat, sich anzuschließen."
Wilhelm, der wohl merkte, daß er länger an sich zu halten nicht
imstande sei, da sein Zustand nur durch die Gegenwart Nataliens noch
einigermaßen gelindert ward, ließ sich hierauf mit einiger Hast
vernehmen: "Man vergönne mir nur noch kurze Bedenkzeit, und ich
vermute, es wird sich geschwind entscheiden, ob ich Ursache habe, mich
weiter anzuschließen, oder ob nicht vielmehr Herz und Klugheit mir
unwiderstehlich gebieten, mich von so mancherlei Banden loszureißen,
die mir eine ewige, elende Gefangenschaft drohen."
So sprach er mit einem lebhaft bewegten Gemüt. Ein Blick auf Natalien
beruhigte ihn einigermaßen, indem sich in diesem leidenschaftlichen
Augenblick ihre Gestalt und ihr Wert nur desto tiefer bei ihm
eindrückten.
"Ja", sagte er zu sich selbst, indem er sich allein fand, "gestehe dir
nur, du liebst sie, und du fühlst wieder, was es heiße, wenn der
Mensch mit allen Kräften lieben kann. So liebte ich Marianen und ward
so schrecklich an ihr irre; ich liebte Philinen und mußte sie
verachten. Aurelien achtete ich und konnte sie nicht lieben; ich
verehrte Theresen, und die väterliche Liebe nahm die Gestalt einer
Neigung zu ihr an; und jetzt, da in deinem Herzen alle Empfindungen
zusammentreffen, die den Menschen glücklich machen sollten, jetzt bist
du genötigt zu fliehen! Ach! warum muß sich zu diesen Empfindungen,
zu diesen Erkenntnissen das unüberwindliche Verlangen des Besitzes
gesellen? und warum richten ohne Besitz eben diese Empfindungen, diese
überzeugungen jede andere Art von Glückseligkeit völlig zugrunde?
Werde ich künftig der Sonne und der Welt, der Gesellschaft oder
irgendeines Glücksgutes genießen? wirst du nicht immer zu dir sagen:
"Natalie ist nicht da!", und doch wird leider Natalie dir immer
gegenwärtig sein. Schließest du die Augen, so wird sie sich dir
darstellen; öffnest du sie, so wird sie vor allen Gegenständen
hinschweben wie die Erscheinung, die ein blendendes Bild im Auge
zurückläßt. War nicht schon früher die schnell vorübergegangene
Gestalt der Amazone deiner Einbildungskraft immer gegenwärtig? Und du
hattest sie nur gesehen, du kanntest sie nicht. Nun, da du sie kennst,
da du ihr so nahe warst, da sie so vielen Anteil an dir gezeigt hat,
nun sind ihre Eigenschaften so tief in dein Gemüt geprägt als ihr Bild
jemals in deine Sinne. ängstlich ist es, immer zu suchen, aber viel
ängstlicher, gefunden zu haben und verlassen zu müssen. Wornach soll
ich in der Welt nun weiter fragen? wornach soll ich mich weiter
umsehen? Welche Gegend, welche Stadt verwahrt einen Schatz, der
diesem gleich ist? Und ich soll reisen, um nur immer das Geringere zu
finden? Ist denn das Leben bloß, wie eine Rennbahn, wo man sogleich
schnell wieder umkehren muß, wenn man das äußerste Ende erreicht hat?
Und steht das Gute, das Vortreffliche nur wie ein festes, unverrücktes
Ziel da, von dem man sich ebenso schnell mit raschen Pferden wieder
entfernen muß, als man es erreicht zu haben glaubt? anstatt daß jeder
andere, der nach irdischen Waren strebt, sie in den verschiedenen
Himmelsgegenden oder wohl gar auf der Messe und dem Jahrmarkt
anschaffen kann."
"Komm, lieber Knabe!" rief er seinem Sohn entgegen, der eben
dahergesprungen kam, "sei und bleibe du mir alles! Du warst mir zum
Ersatz deiner geliebten Mutter gegeben, du solltest mir die zweite
Mutter ersetzen, die ich dir bestimmt hatte, und nun hast du noch die
größere Lücke auszufüllen. Beschäftige mein Herz, beschäftige meinen
Geist mit deiner Schönheit, deiner Liebenswürdigkeit, deiner
Wißbegierde und deinen Fähigkeiten!"
Der Knabe war mit einem neuen Spielwerke beschäftigt, der Vater suchte
es ihm besser, ordentlicher, zweckmäßiger einzurichten; aber in dem
Augenblicke verlor auch das Kind die Lust daran. "Du bist ein wahrer
Mensch!" rief Wilhelm aus, "komm, mein Sohn! komm, mein Bruder, laß
uns in der Welt zwecklos hinspielen, so gut wir können!"
Sein Entschluß, sich zu entfernen, das Kind mit sich zu nehmen und
sich an den Gegenständen der Welt zu zerstreuen, war nun sein fester
Vorsatz. Er schrieb an Wernern, ersuchte ihn um Geld und Kreditbriefe
und schickte Friedrichs Kurier mit dem geschärften Auftrage weg, bald
wiederzukommen. Sosehr er gegen die übrigen Freunde auch verstimmt
war, so rein blieb sein Verhältnis zu Natalien. Er vertraute ihr
seine Absicht; auch sie nahm für bekannt an, daß er gehen könne und
müsse, und wenn ihn auch gleich diese scheinbare Gleichgültigkeit an
ihr schmerzte, so beruhigte ihn doch ihre gute Art und ihre Gegenwart
vollkommen. Sie riet ihm, verschiedene Städte zu besuchen, um dort
einige ihrer Freunde und Freundinnen kennenzulernen. Der Kurier kam
zurück, brachte, was Wilhelm verlangt hatte, obgleich Werner mit
diesem neuen Ausflug nicht zufrieden zu sein schien. "Meine Hoffnung,
daß du vernünftig werden würdest", schrieb dieser, "ist nun wieder
eine gute Weile hinausgeschoben. Wo schweift ihr nun alle zusammen
herum? und wo bleibt denn das Frauenzimmer, zu dessen wirtschaftlichem
Beistande du mir Hoffnung machtest? Auch die übrigen Freunde sind
nicht gegenwärtig; dem Gerichtshalter und mir ist das ganze Geschäft
aufgewälzt. Ein Glück, daß er eben ein so guter Rechtsmann ist, als
ich ein Finanzmann bin, und daß wir beide etwas zu schleppen gewohnt
sind. Lebe wohl! Deine Ausschweifungen sollen dir verziehen sein, da
doch ohne sie unser Verhältnis in dieser Gegend nicht hätte so gut
werden können."
Was das äußere betraf, hätte er nun immer abreisen können, allein sein
Gemüt war noch durch zwei Hindernisse gebunden. Man wollte ihm ein
für allemal Mignons Körper nicht zeigen als bei den Exequien, welche
der Abbe zu halten gedachte, zu welcher Feierlichkeit noch nicht alles
bereit war. Auch war der Arzt durch einen sonderbaren Brief des
Landgeistlichen abgerufen worden. Es betraf den Harfenspieler, von
dessen Schicksalen Wilhelm näher unterrichtet sein wollte.
In diesem Zustande fand er weder bei Tag noch bei Nacht Ruhe der Seele
oder des Körpers. Wenn alles schlief, ging er in dem Hause hin und
her. Die Gegenwart der alten, bekannten Kunstwerke zog ihn an und
stieß ihn ab. Er konnte nichts, was ihn umgab, weder ergreifen noch
lassen, alles erinnerte ihn an alles, er übersah den ganzen Ring
seines Lebens, nur lag er leider zerbrochen vor ihm und schien sich
auf ewig nicht schließen zu wollen. Diese Kunstwerke, die sein Vater
verkauft hatte, schienen ihm ein Symbol, daß auch er von einem ruhigen
und gründlichen Besitz des Wünschenswerten in der Welt teils
ausgeschlossen, teils desselben durch eigne oder fremde Schuld beraubt
werden sollte. Er verlor sich so weit in diesen sonderbaren und
traurigen Betrachtungen, daß er sich selbst manchmal wie ein Geist
vorkam und, selbst wenn er die Dinge außer sich befühlte und betastete,
sich kaum des Zweifels erwehren konnte, ob er denn auch wirklich lebe
und da sei.
Nur der lebhafte Schmerz, der ihn manchmal ergriff, daß er alles das
Gefundene und Wiedergefundene so freventlich und doch so notwendig
verlassen müsse, nur seine Tränen gaben ihm das Gefühl seines Daseins
wieder. Vergebens rief er sich den glücklichen Zustand, in dem er
sich doch eigentlich befand, vors Gedächtnis. "So ist denn alles
nichts", rief er aus, "wenn das eine fehlt, das dem Menschen alles
übrige wert ist!"
Der Abbe verkündigte der Gesellschaft die Ankunft des Marchese. "Sie
sind zwar, wie es scheint", sagte er zu Wilhelmen, "mit Ihrem Knaben
allein abzureisen entschlossen; lernen Sie jedoch wenigstens diesen
Mann kennen, der Ihnen, wo Sie ihn auch unterwegs antreffen, auf alle
Fälle nützlich sein kann." Der Marchese erschien; es war ein Mann
noch nicht hoch in Jahren, eine von den wohlgestalteten, gefälligen
lombardischen Figuren. Er hatte als Jüngling mit dem Oheim der schon
um vieles älter war, bei der Armee, dann in Geschäften Bekanntschaft
gemacht; sie hatten nachher einen großen Teil von Italien zusammen
durchreist, und die Kunstwerke, die der Marchese hier wiederfand,
waren zum großen Teil in seiner Gegenwart und unter manchen
glücklichen Umständen, deren er sich noch wohl erinnerte, gekauft und
angeschafft worden.
Der Italiener hat überhaupt ein tieferes Gefühl für die hohe Würde der
Kunst als andere Nationen; jeder, der nur irgend etwas treibt, will
Künstler, Meister und Professor heißen und bekennt wenigstens durch
diese Titelsucht, daß es nicht genug sei, nur etwas durch
überlieferung zu erhaschen oder durch übung irgendeine Gewandtheit zu
erlangen; er gesteht, daß jeder vielmehr über das, was er tut, auch
fähig sein solle zu denken, Grundsätze aufzustellen und die Ursachen,
warum dieses oder jenes zu tun sei, sich selbst und andern deutlich zu
machen.
Der Fremde ward gerührt, so schöne Besitztümer ohne den Besitzer
wiederzufinden, und erfreut, den Geist seines Freundes aus den
vortrefflichen Hinterlassenen sprechen zu hören. Sie gingen die
verschiedenen Werke durch und fanden eine große Behaglichkeit, sich
einander verständlich machen zu können. Der Marchese und der Abbe
führten das Wort; Natalie, die sich wieder in die Gegenwart ihres
Oheims versetzt fühlte, wußte sich sehr gut in ihre Meinungen und
Gesinnungen zu finden; Wilhelm mußte sich's in theatralische
Terminologie übersetzen, wenn er etwas davon verstehen wollte. Man
hatte Not, Friedrichs Scherze in Schranken zu halten. Jarno war
selten zugegen.
Bei der Betrachtung, daß vortreffliche Kunstwerke in der neuern Zeit
so selten seien, sagte der Marchese: "Es läßt sich nicht leicht denken
und übersehen, was die Umstände für den Künstler tun müssen, und dann
sind bei dem größten Genie, bei dem entschiedensten Talente noch immer
die Forderungen unendlich, die er an sich selbst zu machen hat,
unsäglich der Fleiß, der zu seiner Ausbildung nötig ist. Wenn nun die
Umstände wenig für ihn tun, wenn er bemerkt, daß die Welt sehr leicht
zu befriedigen ist und selbst nur einen leichten, gefälligen,
behaglichen Schein begehrt, so wäre es zu verwundern, wenn nicht
Bequemlichkeit und Eigenliebe ihn bei dem Mittelmäßigen festhielten;
es wäre seltsam, wenn er nicht lieber für Modewaren Geld und Lob
eintauschen als den rechten Weg wählen sollte, der ihn mehr oder
weniger zu einem kümmerlichen Märtyrertum führt. Deswegen bieten die
Künstler unserer Zeit nur immer an, um niemals zu geben. Sie wollen
immer reizen, um niemals zu befriedigen; alles ist nur angedeutet, und
man findet nirgends Grund noch Ausführung. Man darf aber auch nur
eine Zeitlang ruhig in einer Galerie verweilen und beobachten, nach
welchen Kunstwerken sich die Menge zieht, welche gepriesen und welche
vernachlässigt werden, so hat man wenig Lust an der Gegenwart und für
die Zukunft wenig Hoffnung."
"Ja", versetzte der Abbe, "und so bilden sich Liebhaber und Künstler
wechselsweise; der Liebhaber sucht nur einen allgemeinen, unbestimmten
Genuß; das Kunstwerk soll ihm ungefähr wie ein Naturwerk behagen, und
die Menschen glauben, die Organe, ein Kunstwerk zu genießen, bildeten
sich ebenso von selbst aus wie die Zunge und der Gaum, man urteile
über ein Kunstwerk wie über eine Speise. Sie begreifen nicht, was für
einer andern Kultur es bedarf, um sich zum wahren Kunstgenusse zu
erheben. Das Schwerste finde ich die Art von Absonderung, die der
Mensch in sich selbst bewirken muß, wenn er sich überhaupt bilden will;
deswegen finden wir so viel einseitige Kulturen, wovon doch jede sich
anmaßt, über das Ganze abzusprechen."
"Was Sie da sagen, ist mir nicht ganz deutlich", sagte Jarno, der eben
hinzutrat.
"Auch ist es schwer", versetzte der Abbe, "sich in der Kürze bestimmt
hierüber zu erklären. Ich sage nur soviel: sobald der Mensch an
mannigfaltige Tätigkeit oder mannigfaltigen Genuß Anspruch macht, so
muß er auch fähig sein, mannigfaltige Organe an sich gleichsam
unabhängig voneinander auszubilden. Wer alles und jedes in seiner
ganzen Menschheit tun oder genießen will, wer alles außer sich zu
einer solchen Art von Genuß verknüpfen will, der wird seine Zeit nur
mit einem ewig unbefriedigten Streben hinbringen. Wie schwer ist es,
was so natürlich scheint, eine gute Statue, ein treffliches Gemälde an
und für sich zu beschauen, den Gesang um des Gesangs willen zu
vernehmen, den Schauspieler im Schauspieler zu bewundern, sich eines
Gebäudes um seiner eigenen Harmonie und seiner Dauer willen zu
erfreuen. Nun sieht man aber meist die Menschen entschiedene Werke
der Kunst geradezu behandeln, als wenn es ein weicher Ton wäre. Nach
ihren Neigungen, Meinungen und Grillen soll sich der gebildete Marmor
sogleich wieder ummodeln, das festgemauerte Gebäude sich ausdehnen
oder zusammenziehen, ein Gemälde soll lehren, ein Schauspiel bessern,
und alles soll alles werden. Eigentlich aber, weil die meisten
Menschen selbst formlos sind, weil sie sich und ihrem Wesen selbst
keine Gestalt geben können, so arbeiten sie, den Gegenständen ihre
Gestalt zu nehmen, damit ja alles loser und lockrer Stoff werde, wozu
sie auch gehören. Alles reduzieren sie zuletzt auf den sogenannten
Effekt, alles ist relativ, und so wird auch alles relativ, außer dem
Unsinn und der Abgeschmacktheit, die denn auch ganz absolut regiert."
"Ich verstehe Sie", versetzte Jarno, "oder vielmehr ich sehe wohl ein,
wie das, was Sie sagen, mit den Grundsätzen zusammenhängt, an denen
Sie so festhalten; ich kann es aber mit den armen Teufeln von Menschen
unmöglich so genau nehmen. Ich kenne freilich ihrer genug, die sich
bei den größten Werken der Kunst und der Natur sogleich ihres
armseligsten Bedürfnisses erinnern, ihr Gewissen und ihre Moral mit in
die Oper nehmen, ihre Liebe und Haß vor einem Säulengange nicht
ablegen und das Beste und Größte, was ihnen von außen gebracht werden
kann, in ihrer Vorstellungsart erst möglichst verkleinern müssen, um
es mit ihrem kümmerlichen Wesen nur einigermaßen verbinden zu können."
VIII. Buch, 8. Kapitel
Achtes Kapitel
Am Abend lud der Abbe zu den Exequien Mignons ein. Die Gesellschaft
begab sich in den Saal der Vergangenheit und fand denselben auf das
sonderbarste erhellt und ausgeschmückt. Mit himmelblauen Teppichen
waren die Wände fast von oben bis unten bekleidet, so daß nur Sockel
und Fries hervorschienen. Auf den vier Kandelabern in den Ecken
brannten große Wachsfackeln, und so nach Verhältnis auf den vier
kleinern, die den mittlern Sarkophag umgaben. Neben diesem standen
vier Knaben, himmelblau mit Silber gekleidet, und schienen einer Figur,
die auf dem Sarkophag ruhte, mit breiten Fächern von Straußenfedern
Luft zuzuwehn. Die Gesellschaft setzte sich, und zwei unsichtbare
Chöre fingen mit holdem Gesang an zu fragen: "Wen bringt ihr uns zur
stillen Gesellschaft?" Die vier Kinder antworteten mit lieblicher
Stimme. "Einen müden Gespielen bringen wir euch; laßt ihn unter euch
ruhen, bis das Jauchzen himmlischer Geschwister ihn dereinst wieder
aufweckt."
Chor
Erstling der Jugend in unserm Kreise, sei willkommen! mit Trauer
willkommen! Dir folge kein Knabe, kein Mädchen nach! Nur das Alter
nahe sich willig und gelassen der stillen Halle, und in ernster
Gesellschaft ruhe das liebe, liebe Kind!
Knaben
Ach! wie ungern brachten wir ihn her! Ach! und er soll hier bleiben!
Laßt uns auch bleiben, laßt uns weinen, weinen an seinem Sarge!
Chor
Seht die mächtigen Flügel doch an! seht das leichte, reine Gewand! wie
blinkt die goldene Binde vom Haupt! seht die schöne, die würdige Ruh!
Knaben
Ach! die Flügel heben sie nicht; im leichten Spiele flattert das
Gewand nicht mehr; als wir mit Rosen kränzten ihr Haupt, blickte sie
hold und freundlich nach uns.
Chor
Schaut mit den Augen des Geistes hinan! In euch lebe die bildende
Kraft, die das Schönste, das Höchste hinauf, über die Sterne das Leben
trägt!
Knaben
Aber ach! wir vermissen sie hier, in den Gärten wandelt sie nicht,
sammelt der Wiese Blumen nicht mehr. Laßt uns weinen, wir lassen sie
hier! laßt uns weinen und bei ihr bleiben!
Chor
Kinder! kehret ins Leben zurück! Eure Tränen trockne die frische Luft,
die um das schlängelnde Wasser spielt. Entflieht der Nacht! Tag und
Lust und Dauer ist das Los der Lebendigen.
Knaben
Auf, wir kehren ins Leben zurück. Gebe der Tag uns Arbeit und Lust,
bis der Abend uns Ruhe bringt und der nächtliche Schlaf uns erquickt.
Chor
Kinder! eilet ins Leben hinan! In der Schönheit reinem Gewande
begegn' euch die Liebe mit himmlischem Blick und dem Kranz der
Unsterblichkeit!
Die Knaben waren schon fern, der Abbe stand von seinem Sessel auf und
trat hinter den Sarg. "Es ist die Verordnung", sagte er, "des Mannes,
der diese stille Wohnung bereitet hat, daß jeder neue Ankömmling mit
Feierlichkeit empfangen werden soll. Nach ihm, dem Erbauer dieses
Hauses, dem Errichter dieser Stätte, haben wir zuerst einen jungen
Fremdling hierhergebracht, und so faßt schon dieser kleine Raum zwei
ganz verschiedene Opfer der strengen, willkürlichen und unerbittlichen
Todesgöttin. Nach bestimmten Gesetzen treten wir ins Leben ein, die
Tage sind gezählt, die uns zum Anblicke des Lichts reif machen, aber
für die Lebensdauer ist kein Gesetz. Der schwächste Lebensfaden zieht
sich in unerwartete Länge, und den stärksten zerschneidet gewaltsam
die Schere einer Parze, die sich in Widersprüchen zu gefallen scheint.
Von dem Kinde, das wir hier bestatten, wissen wir wenig zu sagen.
Noch ist uns unbekannt, woher es kam; seine Eltern kennen wir nicht,
und die Zahl seiner Lebensjahre vermuten wir nur. Sein tiefes,
verschlossenes Herz ließ uns seine innersten Angelegenheiten kaum
erraten; nichts war deutlich an ihm, nichts offenbar als die Liebe zu
dem Manne, der es aus den Händen eines Barbaren rettete. Diese
zärtliche Neigung, diese lebhafte Dankbarkeit schien die Flamme zu
sein, die das öl ihres Lebens aufzehrte; die Geschicklichkeit des
Arztes konnte das schöne Leben nicht erhalten, die sorgfältigste
Freundschaft vermochte nicht, es zu fristen. Aber wenn die Kunst den
scheidenden Geist nicht zu fesseln vermochte, so hat sie alle ihre
Mittel angewandt, den Körper zu erhalten und ihn der Vergänglichkeit
zu entziehen. Eine balsamische Masse ist durch alle Adern gedrungen
und färbt nun an der Stelle des Bluts die so früh verbliebenen Wangen.
Treten Sie näher, meine Freunde, und sehen Sie das Wunder der Kunst
und Sorgfalt!"
Er hub den Schleier auf, und das Kind lag in seinen Engelkleidern wie
schlafend in der angenehmsten Stellung. Alle traten herbei und
bewunderten diesen Schein des Lebens. Nur Wilhelm blieb in seinem
Sessel sitzen, er konnte sich nicht fassen; was er empfand, durfte er
nicht denken, und jeder Gedanke schien seine Empfindung zerstören zu
wollen.
Die Rede war um des Marchese willen französisch gesprochen worden.
Dieser trat mit den andern herbei und betrachtete die Gestalt mit
Aufmerksamkeit. Der Abbe fuhr fort: "Mit einem heiligen Vertrauen war
auch dieses gute, gegen die Menschen so verschlossene Herz beständig
zu seinem Gott gewendet. Die Demut, ja eine Neigung, sich äußerlich
zu erniedrigen, schien ihm angeboren. Mit Eifer hing es an der
katholischen Religion, in der es geboren und erzogen war. Oft äußerte
sie den stillen Wunsch, auf geweihtem Boden zu ruhen, und wir haben,
nach den Gebräuchen der Kirche, dieses marmorne Behältnis und die
wenige Erde geweihet, die in ihrem Kopfkissen verborgen ist. Mit
welcher Inbrunst küßte sie in ihren letzten Augenblicken das Bild des
Gekreuzigten, das auf ihren zarten Armen mit vielen hundert Punkten
sehr zierlich abgebildet steht!" Er streifte zugleich, indem er das
sagte, ihren rechten Arm auf, und ein Kruzifix, von verschiedenen
Buchstaben und Zeichen begleitet, sah man blaulich auf der weißen Haut.
Der Marchese betrachtete diese neue Erscheinung ganz in der Nähe. "O
Gott!" rief er aus, indem er sich aufrichtete und seine Hände gen
Himmel hob, "armes Kind! Unglückliche Nichte! Finde ich dich hier
wieder! Welche schmerzliche Freude, dich, auf die wir schon lange
Verzicht getan hatten, diesen guten, lieben Körper, den wir lange im
See einen Raub der Fische glaubten, hier wiederzufinden, zwar tot,
aber erhalten! Ich wohne deiner Bestattung bei, die so herrlich durch
ihr äußeres und noch herrlicher durch die guten Menschen wird, die
dich zu deiner Ruhestätte begleiten. Und wenn ich werde reden können",
sagte er mit gebrochner Stimme, "werde ich ihnen danken."
Die Tränen verhinderten ihn, etwas weiter hervorzubringen. Durch den
Druck einer Feder versenkte der Abbe den Körper in die Tiefe des
Marmors. Vier Jünglinge, bekleidet wie jene Knaben, traten hinter den
Teppichen hervor, hoben den schweren, schön verzierten Deckel auf den
Sarg und fingen zugleich ihren Gesang an.
Die Jünglinge
Wohl verwahrt ist nun der Schatz, das schöne Gebild der Vergangenheit!
hier im Marmor ruht es unverzehrt; auch in euren Herzen lebt es, wirkt
es fort. Schreitet, schreitet ins Leben zurück! Nehmet den heiligen
Ernst mit hinaus, denn der Ernst, der heilige, macht allein das Leben
zur Ewigkeit.
Das unsichtbare Chor fiel in die letzten Worte mit ein, aber niemand
von der Gesellschaft vernahm die stärkenden Worte, jedes war zu sehr
mit den wunderbaren Entdeckungen und seinen eignen Empfindungen
beschäftigt. Der Abbe und Natalie führten den Marchese, Wilhelmen
Therese und Lothario hinaus, und erst als der Gesang ihnen völlig
verhallte, fielen die Schmerzen, die Betrachtungen, die Gedanken, die
Neugierde sie mit aller Gewalt wieder an, und sehnlich wünschten sie
sich in jenes Element wieder zurück.
VIII. Buch, 9. Kapitel--1
Neuntes Kapitel
Der Marchese vermied, von der Sache zu reden, hatte aber heimliche und
lange Gespräche mit dem Abbe. Er erbat sich, wenn die Gesellschaft
beisammen war, öfters Musik; man sorgte gern dafür, weil jedermann
zufrieden war, des Gesprächs überhoben zu sein. So lebte man einige
Zeit fort, als man bemerkte, daß er Anstalt zur Abreise mache. Eines
Tages sagte er zu Wilhelmen: "Ich verlange nicht, die Reste des guten
Kindes zu beunruhigen; es bleibe an dem Orte zurück, wo es geliebt und
gelitten hat, aber seine Freunde müssen mir versprechen, mich in
seinem Vaterlande, an dem Platze zu besuchen, wo das arme Geschöpf
geboren und erzogen wurde; sie müssen die Säulen und Statuen sehen,
von denen ihm noch eine dunkle Idee übriggeblieben ist.
Ich will Sie in die Buchten führen, wo sie so gern die Steinchen
zusammenlas. Sie werden sich, lieber junger Mann, der Dankbarkeit
einer Familie nicht entziehen, die Ihnen so viel schuldig ist. Morgen
reise ich weg. Ich habe dem Abbe die ganze Geschichte vertraut, er
wird sie Ihnen wiedererzählen; er konnte mir verzeihen, wenn mein
Schmerz mich unterbrach, und er wird als ein Dritter die Begebenheiten
mit mehr Zusammenhang vortragen. Wollen Sie mir noch, wie der Abbe
vorschlug, auf meiner Reise durch Deutschland folgen, so sind Sie
willkommen. Lassen Sie Ihren Knaben nicht zurück; bei jeder kleinen
Unbequemlichkeit, die er uns macht, wollen wir uns Ihrer Vorsorge für
meine arme Nichte wieder erinnern."
Noch selbigen Abend ward man durch die Ankunft der Gräfin überrascht.
Wilhelm bebte an allen Gliedern, als sie hereintrat, und sie, obgleich
vorbereitet, hielt sich an ihrer Schwester, die ihr bald einen Stuhl
reichte. Wie sonderbar einfach war ihr Anzug und wie verändert ihre
Gestalt! Wilhelm durfte kaum auf sie hinblicken; sie begrüßte ihn mit
Freundlichkeit, und einige allgemeine Worte konnten ihre Gesinnung und
Empfindungen nicht verbergen. Der Marchese war beizeiten zu Bette
gegangen, und die Gesellschaft hatte noch keine Lust, sich zu trennen;
der Abbe brachte ein Manuskript hervor. "Ich habe", sagte er,
"sogleich die sonderbare Geschichte, wie sie mir anvertraut wurde, zu
Papiere gebracht. Wo man am wenigsten Tinte und Feder sparen soll,
das ist beim Aufzeichnen einzelner Umstände merkwürdiger Begebenheiten."
Man unterrichtete die Gräfin, wovon die Rede sei, und der Abbe las:
"Meinen Vater", sagte der Marchese, "muß ich, soviel Welt ich auch
gesehen habe, immer für einen der wunderbarsten Menschen halten. Sein
Charakter war edel und gerade, seine Ideen weit und man darf sagen
groß; er war streng gegen sich selbst; in allen seinen Planen fand man
eine unbestechliche Folge, an allen seinen Handlungen eine
ununterbrochene Schrittmäßigkeit. So gut sich daher von einer Seite
mit ihm umgehen und ein Geschäft verhandeln ließ, sowenig konnte er um
ebendieser Eigenschaften willen sich in die Welt finden, da er vom
Staate, von seinen Nachbaren, von Kindern und Gesinde die Beobachtung
aller der Gesetze forderte, die er sich selbst auferlegt hatte. Seine
mäßigsten Forderungen wurden übertrieben durch seine Strenge, und er
konnte nie zum Genuß gelangen, weil nichts auf die Weise entstand, wie
er sich's gedacht hatte. Ich habe ihn in dem Augenblicke, da er einen
Palast bauete, einen Garten anlegte, ein großes neues Gut in der
schönsten Lage erwarb, innerlich mit dem ernstesten Ingrimm überzeugt
gesehen, das Schicksal habe ihn verdammt, enthaltsam zu sein und zu
dulden. In seinem äußerlichen beobachtete er die größte Würde; wenn
er scherzte, zeigte er nur die überlegenheit seines Verstandes; es war
ihm unerträglich, getadelt zu werden, und ich habe ihn nur einmal in
meinem Leben ganz außer aller Fassung gesehen, da er hörte, daß man
von einer seiner Anstalten wie von etwas Lächerlichem sprach. In
ebendiesem Geiste hatte er über seine Kinder und sein Vermögen
disponiert. Mein ältester Bruder ward als ein Mann erzogen, der
künftig große Güter zu hoffen hatte; ich sollte den geistlichen Stand
ergreifen und der jüngste Soldat werden. Ich war lebhaft, feurig,
tätig, schnell, zu allen körperlichen übungen geschickt. Der Jüngste
schien zu einer Art von schwärmerischer Ruhe geneigter, den
Wissenschaften, der Musik und der Dichtkunst ergeben. Nur nach dem
härtsten Kampf, nach der völligsten überzeugung der Unmöglichkeit gab
der Vater, wiewohl mit Widerwillen, nach, daß wir unsern Beruf
umtauschen dürften, und ob er gleich jeden von uns beiden zufrieden
sah, so konnte er sich doch nicht drein finden und versicherte, daß
nichts Gutes daraus entstehen werde. Je älter er ward, desto
abgeschnittener fühlte er sich von aller Gesellschaft. Er lebte
zuletzt fast ganz allein. Nur ein alter Freund, der unter den
Deutschen gedient, im Feldzuge seine Frau verloren und eine Tochter
mitgebracht hatte, die ungefähr zehn Jahre alt war, blieb sein
einziger Umgang. Dieser kaufte sich ein artiges Gut in der
Nachbarschaft, sah meinen Vater zu bestimmten Tagen und Stunden der
Woche, in denen er auch manchmal seine Tochter mitbrachte. Er
widersprach meinem Vater niemals, der sich zuletzt völlig an ihn
gewöhnte und ihn als den einzigen erträglichen Gesellschafter duldete,
Nach dem Tode unseres Vaters merkten wir wohl, daß dieser Mann von
unserm Alten trefflich ausgestattet worden war und seine Zeit nicht
umsonst zugebracht hatte; er erweiterte seine Güter, seine Tochter
konnte eine schöne Mitgift erwarten. Das Mädchen wuchs heran und war
von sonderbarer Schönheit; mein älterer Bruder scherzte oft mit mir,
daß ich mich um sie bewerben sollte.
Indessen hatte Bruder Augustin im Kloster seine Jahre in dem
sonderbarsten Zustande zugebracht; er überließ sich ganz dem Genuß
einer heiligen Schwärmerei, jenen halb geistigen, halb physischen
Empfindungen, die, wie sie ihn eine Zeitlang in den dritten Himmel
erhuben, bald darauf in einen Abgrund von Ohnmacht und leeres Elend
versinken ließen. Bei meines Vaters Lebzeiten war an keine
Veränderung zu denken, und was hätte man wünschen oder vorschlagen
sollen? Nach dem Tode unsers Vaters besuchte er uns fleißig; sein
Zustand, der uns im Anfang jammerte, ward nach und nach um vieles
erträglicher, denn die Vernunft hatte gesiegt. Allein je sichrer sie
ihm völlige Zufriedenheit und Heilung auf dem reinen Wege der Natur
versprach, desto lebhafter verlangte er von uns, daß wir ihn von
seinen Gelübden befreien sollten; er gab zu verstehen, daß seine
Absicht auf Sperata, unsere Nachbarin, gerichtet sei.
Mein älterer Bruder hatte zuviel durch die Hätte unseres Vaters
gelitten, als daß er ungerührt bei dem Zustande des jüngsten hätte
bleiben können. Wir sprachen mit dem Beichtvater unserer Familie,
einem alten, würdigen Manne, entdeckten ihm die doppelte Absicht
unseres Bruders und baten ihn, die Sache einzuleiten und zu befördern.
Wider seine Gewohnheit zögerte er, und als endlich unser Bruder in
uns drang und wir die Angelegenheit dem Geistlichen lebhafter
empfahlen, mußte er sich entschließen, uns die sonderbare Geschichte
zu entdecken.
Sperata war unsre Schwester, und zwar sowohl von Vater als Mutter;
Neigung und Sinnlichkeit hatten den Mann in späteren Jahren nochmals
überwältigt, in welchen das Recht der Ehegatten schon verloschen zu
sein scheint; über einen ähnlichen Fall hatte man sich kurz vorher in
der Gegend lustig gemacht, und mein Vater, um sich nicht gleichfalls
dem Lächerlichen auszusetzen, beschloß, diese späte, gesetzmäßige
Frucht der Liebe mit ebender Sorgfalt zu verheimlichen, als man sonst
die frühern zufälligen Früchte der Neigung zu verbergen pflegt.
Unsere Mutter kam heimlich nieder, das Kind wurde aufs Land gebracht,
und der alte Hausfreund, der nebst dem Beichtvater allein um das
Geheimnis wußte, ließ sich leicht bereden, sie für seine Tochter
auszugeben. Der Beichtvater hatte sich nur ausbedungen, im äußersten
Fall das Geheimnis entdecken zu dürfen. Der Vater war gestorben, das
zarte Mädchen lebte unter der Aufsicht einer alten Frau; wir wußten,
daß Gesang und Musik unsern Bruder schon bei ihr eingeführt hatten,
und da er uns wiederholt aufforderte, seine alten Bande zu trennen, um
das neue zu knüpfen, so war es nötig, ihn so bald als möglich von der
Gefahr zu unterrichten, in der er schwebte.
Er sah uns mit wilden, verachtenden Blicken an. "Spart eure
unwahrscheinlichen Märchen", rief er aus, "für Kinder und
leichtgläubige Toren; mir werdet ihr Speraten nicht vom Herzen reißen,
sie ist mein. Verleugnet sogleich euer schreckliches Gespenst, das
mich nur vergebens ängstigen würde. Sperata ist nicht meine Schwester,
sie ist mein Weib!" Er beschrieb uns mit Entzücken, wie ihn das
himmlische Mädchen aus dem Zustande der unnatürlichen Absonderung von
den Menschen in das wahre Leben geführt, wie beide Gemüter gleich
beiden Kehlen zusammenstimmten und wie er alle seine Leiden und
Verirrungen segnete, weil sie ihn von allen Frauen bis dahin entfernt
gehalten und weil er nun ganz und gar sich dem liebenswürdigsten
Mädchen ergeben könne. Wir entsetzten uns über die Entdeckung, uns
jammerte sein Zustand, wir wußten uns nicht zu helfen, er versicherte
uns mit Heftigkeit, daß Sperata ein Kind von ihm im Busen trage.
Unser Beichtvater tat alles, was ihm seine Pflicht eingab, aber
dadurch ward das übel nur schlimmer. Die Verhältnisse der Natur und
der Religion, der sittlichen Rechte und der bürgerlichen Gesetze
wurden von meinem Bruder aufs heftigste durchgefochten. Nichts schien
ihm heilig als das Verhältnis zu Sperata, nichts schien ihm würdig als
der Name Vater und Gattin. "Diese allein", rief er aus, "sind der
Natur gemäß, alles andere sind Grillen und Meinungen. Gab es nicht
edle Völker, die eine Heirat mit der Schwester billigten? Nennt eure
Götter nicht", rief er aus, "ihr braucht die Namen nie, als wenn ihr
uns betören, uns von dem Wege der Natur abführen und die edelsten
Triebe durch schändlichen Zwang zu Verbrechen entstellen wollt. Zur
größten Verwirrung des Geistes, zum schändlichsten Mißbrauche des
Körpers nötigt ihr die Schlachtopfer, die ihr lebendig begrabt.
Ich darf reden, denn ich habe gelitten wie keiner, von der höchsten,
süßesten Fülle der Schwärmerei bis zu den fürchterlichen Wüsten der
Ohnmacht, der Leerheit, der Vernichtung und Verzweiflung, von den
höchsten Ahnungen überirdischer Wesen bis zu dem völligsten Unglauben,
dem Unglauben an mir selbst. Allen diesen entsetzlichen Bodensatz des
am Rande schmeichelnden Kelchs habe ich ausgetrunken, und mein ganzes
Wesen war bis in sein Innerstes vergiftet. Nun, da mich die gütige
Natur durch ihre größten Gaben, durch die Liebe wieder geheilt hat, da
ich an dem Busen eines himmlischen Mädchens wieder fühle, daß ich bin,
daß sie ist, daß wir eins sind, daß aus dieser lebendigen Verbindung
ein Drittes entstehen und uns entgegenlächeln soll, nun eröffnet ihr
die Flammen eurer Höllen, eurer Fegefeuer, die nur eine kranke
Einbildungskraft versengen können, und stellt sie dem lebhaften,
wahren, unzerstörlichen Genuß der reinen Liebe entgegen! Begegnet uns
unter jenen Zypressen, die ihre ernsthaften Gipfel gen Himmel wenden,
besucht uns an jenen Spalieren, wo die Zitronen und Pomeranzen neben
uns blühn, wo die zierliche Myrte uns ihre zarten Blumen darreicht,
und dann wagt es, uns mit euren trüben, grauen, von Menschen
gesponnenen Netzen zu ängstigen!"
So bestand er lange Zeit auf einem hartnäckigen Unglauben unserer
Erzählung, und zuletzt, da wir ihm die Wahrheit derselben beteuerten,
da sie ihm der Beichtvater selbst versicherte, ließ er sich doch
dadurch nicht irremachen, vielmehr rief er aus: "Fragt nicht den
Widerhall eurer Kreuzgänge, nicht euer vermodertes Pergament, nicht
eure verschränkten Grillen und Verordnungen; fragt die Natur und euer
Herz, sie wird euch lehren, vor was ihr zu schaudern habt, sie wird
euch mit dem strengsten Finger zeigen, worüber sie ewig und
unwiderruflich ihren Fluch ausspricht. Seht die Lilien an: entspringt
nicht Gatte und Gattin auf einem Stengel? Verbindet beide nicht die
Blume, die beide gebar, und ist die Lilie nicht das Bild der Unschuld
und ihre geschwisterliche Vereinigung nicht fruchtbar? Wenn die Natur
verabscheut, so spricht sie es laut aus; das Geschöpf, das nicht sein
soll, kann nicht werden; das Geschöpf, das falsch lebt, wird früh
zerstört. Unfruchtbarkeit, kümmerliches Dasein, frühzeitiges
Zerfallen, das sind ihre Flüche, die Kennzeichen ihrer Strenge. Nur
durch unmittelbare Folgen straft sie. Da seht um euch her, und was
verboten, was verflucht ist, wird euch in die Augen fallen. In der
Stille des Klosters und im Geräusche der Welt sind tausend Handlungen
geheiligt und geehrt, auf denen ihr Fluch ruht. Auf bequemen
Müßiggang so gut als überstrengte Arbeit, auf Willkür und überfluß wie
auf Not und Mangel sieht sie mit traurigen Augen nieder, zur Mäßigkeit
ruft sie, wahr sind alle ihre Verhältnisse und ruhig alle ihre
Wirkungen. Wer gelitten hat wie ich, hat das Recht, frei zu sein.
Sperata ist mein; nur der Tod soll mir sie nehmen. Wie ich sie
behalten kann? wie ich glücklich werden kann? das ist eure Sorge!
Jetzt gleich geh ich zu ihr, um mich nicht wieder von ihr zu trennen."
Er wollte nach dem Schiffe, um zu ihr überzusetzen; wir hielten ihn ab
und baten ihn, daß er keinen Schritt tun möchte, der die
schrecklichsten Folgen haben könnte. Er solle überlegen, daß er nicht
in der freien Welt seiner Gedanken und Vorstellungen, sondern in einer
Verfassung lebe, deren Gesetze und Verhältnisse die Unbezwinglichkeit
eines Naturgesetzes angenommen haben. Wir mußten dem Beichtvater
versprechen, daß wir den Bruder nicht aus den Augen, noch weniger aus
dem Schlosse lassen wollten; darauf ging er weg und versprach, in
einigen Tagen wiederzukommen. Was wir vorausgesehen hatten, traf ein;
der Verstand hatte unsern Bruder stark gemacht, aber sein Herz war
weich; die frühern Eindrücke der Religion wurden lebhaft, und die
entsetzlichsten Zweifel bemächtigten sich seiner. Er brachte zwei
fürchterliche Tage und Nächte zu; der Beichtvater kam ihm wieder zu
Hülfe, umsonst! Der ungebundene, freie Verstand sprach ihn los; sein
Gefühl, seine Religion, alle gewohnten Begriffe erklärten ihn für
einen Verbrecher.
Eines Morgens fanden wir sein Zimmer leer, ein Blatt lag auf dem
Tische, worin er uns erklärte, daß er, da wir ihn mit Gewalt
gefangenhielten, berechtigt sei, seine Freiheit zu suchen, er
entfliehe, er gehe zu Sperata, er hoffe, mit ihr zu entkommen, er sei
auf alles gefaßt, wenn man sie trennen wolle.
Wir erschraken nicht wenig, allein der Beichtvater bat uns, ruhig zu
sein. Unser armer Bruder war nahe genug beobachtet worden; die
Schiffer, anstatt ihn überzusetzen, führten ihn in sein Kloster.
Ermüdet von einem vierzigstündigen Wachen, schlief er ein, sobald ihn
der Kahn im Mondenscheine schaukelte, und erwachte nicht früher, als
bis er sich in den Händen seiner geistlichen Brüder sah; er erholte
sich nicht eher, als bis er die Klosterpforte hinter sich zuschlagen
hörte.
Schmerzlich gerührt von dem Schicksal unseres Bruders, machten wir
unserm Beichtvater die lebhaftesten Vorwürfe; allein dieser ehrwürdige
Mann wußte uns bald mit den Gründen des Wundarztes zu überreden, daß
unser Mitleid für den armen Kranken tödlich sei. Er handle nicht aus
eignet Willkür, sondern auf Befehl des Bischofs und des hohen Rates.
Die Absicht war: alles öffentliche ärgernis zu vermeiden und den
traurigen Fall mit dem Schleier einer geheimen Kirchenzucht zu
verdecken. Sperata sollte geschont werden, sie sollte nicht erfahren,
daß ihr Geliebter zugleich ihr Bruder sei. Sie ward einem Geistlichen
anempfohlen, dem sie vorher schon ihren Zustand vertraut hatte. Man
wußte ihre Schwangerschaft und Niederkunft zu verbergen. Sie war als
Mutter in dem kleinen Geschöpfe ganz glücklich. So wie die meisten
unserer Mädchen konnte sie weder schreiben noch Geschriebenes lesen;
sie gab daher dem Pater Aufträge, was er ihrem Geliebten sagen sollte.
Dieser glaubte den frommen Betrug einer säugenden Mutter schuldig zu
sein, er brachte ihr Nachrichten von unserm Bruder, den er niemals sah,
ermahnte sie in seinem Namen zur Ruhe, bat sie, für sich und das Kind
zu sorgen und wegen der Zukunft Gott zu vertrauen.
VIII. Buch, 9. Kapitel--2
Sperata war von Natur zur Religiosität geneigt. Ihr Zustand, ihre
Einsamkeit vermehrten diesen Zug, der Geistliche unterhielt ihn, um
sie nach und nach auf eine ewige Trennung vorzubereiten. Kaum war das
Kind entwöhnt, kaum glaubte er ihren Körper stark genug, die
ängstlichsten Seelenleiden zu ertragen, so fing er an, das Vergehen
ihr mit schrecklichen Farben vorzumalen, das Vergehen, sich einem
Geistlichen ergeben zu haben, das er als eine Art von Sünde gegen die
Natur, als einen Inzest behandelte. Denn er hatte den sonderbaren
Gedanken, ihre Reue jener Reue gleichzumachen, die sie empfunden haben
würde, wenn sie das wahre Verhältnis ihres Fehltritts erfahren hätte.
Er brachte dadurch so viel Jammer und Kummer in ihr Gemüt, er erhöhte
die Idee der Kirche und ihres Oberhauptes so sehr vor ihr, er zeigte
ihr die schrecklichen Folgen für das Heil aller Seelen, wenn man in
solchen Fällen nachgeben und die Straffälligen durch eine rechtmäßige
Verbindung noch gar belohnen wolle; er zeigte ihr, wie heilsam es sei,
einen solchen Fehler in der Zeit abzubüßen und dafür dereinst die
Krone der Herrlichkeit zu erwerben, daß sie endlich wie eine arme
Sünderin ihren Nacken dem Beil willig darreichte und inständig bat,
daß man sie auf ewig von unserm Bruder entfernen möchte. Als man so
viel von ihr erlangt hatte, ließ man ihr, doch unter einer gewissen
Aufsicht, die Freiheit, bald in ihrer Wohnung, bald in dem Kloster zu
sein, je nachdem sie es für gut hielte.
Ihr Kind wuchs heran und zeigte bald eine sonderbare Natur. Es konnte
sehr früh laufen und sich mit aller Geschicklichkeit bewegen, es sang
bald sehr artig und lernte die Zither gleichsam von sich selbst. Nur
mit Worten konnte es sich nicht ausdrücken, und es schien das
Hindernis mehr in seiner Denkungsart als in den Sprachwerkzeugen zu
liegen. Die arme Mutter fühlte indessen ein trauriges Verhältnis zu
dem Kinde; die Behandlung des Geistlichen hatte ihre Vorstellungsart
so verwirrt, daß sie, ohne wahnsinnig zu sein, sich in den seltsamsten
Zuständen befand. Ihr Vergehen schien ihr immer schrecklicher und
straffälliger zu werden; das oft wiederholte Gleichnis des Geistlichen
vom Inzest hatte sich so tief bei ihr eingeprägt, daß sie einen
solchen Abscheu empfand, als wenn ihr das Verhältnis selbst bekannt
gewesen wäre. Der Beichtvater dünkte sich nicht wenig über das
Kunststück, wodurch er das Herz eines unglücklichen Geschöpfes zerriß.
Jämmerlich war es anzusehen, wie die Mutterliebe, die über das Dasein
des Kindes sich so herzlich zu erfreuen geneigt war, mit dem
schrecklichen Gedanken stritt, daß dieses Kind nicht dasein sollte.
Bald stritten diese beiden Gefühle zusammen, bald war der Abscheu über
die Liebe gewaltig.
Man hatte das Kind schon lange von ihr weggenommen und zu guten Leuten
unten am See gegeben, und in der mehrern Freiheit, die es hatte,
zeigte sich bald seine besondre Lust zum Klettern. Die höchsten
Gipfel zu ersteigen, auf den Rändern der Schiffe wegzulaufen und den
Seiltänzern, die sich manchmal in dem Orte sehen ließen, die
wunderlichsten Kunststücke nachzumachen war ein natürlicher Trieb.
Um das alles leichter zu üben, liebte sie, mit den Knaben die Kleider
zu wechseln, und ob es gleich von ihren Pflegeltern höchst unanständig
und unzulässig gehalten wurde, so ließen wir ihr doch soviel als
möglich nachsehen. Ihre wunderlichen Wege und Sprünge führten sie
manchmal weit, sie verirrte sich, sie blieb aus und kam immer wieder.
Meistenteils, wenn sie zurückkehrte, setzte sie sich unter die Säulen
des Portals vor einem Landhause in der Nachbarschaft; man suchte sie
nicht mehr, man erwartete sie. Dort schien sie auf den Stufen
auszuruhen, dann lief sie in den großen Saal, besah die Statuen, und
wenn man sie nicht besonders aufhielt, eilte sie nach Hause.
Zuletzt ward denn doch unser Hoffen getäuscht und unsere Nachsicht
bestraft. Das Kind blieb aus, man fand seinen Hut auf dem Wasser
schwimmen, nicht weit von dem Orte, wo ein Gießbach sich in den See
stürzt. Man vermutete, daß es bei seinem Klettern zwischen den Felsen
verunglückt sei; bei allem Nachforschen konnte man den Körper nicht
finden.
Durch das unvorsichtige Geschwätz ihrer Gesellschafterinnen erfuhr
Sperata bald den Tod ihres Kindes; sie schien ruhig und heiter und gab
nicht undeutlich zu verstehen, sie freue sich, daß Gott das arme
Geschöpf zu sich genommen und so bewahrt habe, ein größeres Unglück zu
erdulden oder zu stiften.
Bei dieser Gelegenheit kamen alle Märchen zur Sprache, die man von
unsern Wassern zu erzählen pflegt. Es hieß: der See müsse alle Jahre
ein unschuldiges Kind haben; er leide keinen toten Körper und werfe
ihn früh oder spät ans Ufer, ja sogar das letzte Knöchelchen, wenn es
zu Grunde gesunken sei, müsse wieder heraus. Man erzählte die
Geschichte einer untröstlichen Mutter, deren Kind im See ertrunken sei
und die Gott und seine Heiligen angerufen habe, ihr nur wenigstens die
Gebeine zum Begräbnis zu gönnen; der nächste Sturm habe den Schädel,
der folgende den Rumpf ans Ufer gebracht, und nachdem alles beisammen
gewesen, habe sie sämtliche Gebeine in einem Tuch zur Kirche getragen,
aber, o Wunder! als sie in den Tempel getreten, sei das Paket immer
schwerer geworden, und endlich, als sie es auf die Stufen des Altars
gelegt, habe das Kind zu schreien angefangen und sich zu jedermanns
Erstaunen aus dem Tuche losgemacht; nur ein Knöchelchen des kleinen
Fingers an der rechten Hand habe gefehlt, welches denn die Mutter
nachher noch sorgfältig aufgesucht und gefunden, das denn auch noch
zum Gedächtnis unter andern Reliquien in der Kirche aufgehoben werde.
Auf die arme Mutter machten diese Geschichten großen Eindruck; ihre
Einbildungskraft fühlte einen neuen Schwung und begünstigte die
Empfindung ihres Herzens. Sie nahm an, daß das Kind nunmehr für sich
und seine Eltern abgebüßt habe, daß Fluch und Strafe, die bisher auf
ihnen geruht, nunmehr gänzlich gehoben sei; daß es nur darauf ankomme,
die Gebeine des Kindes wiederzufinden, um sie nach Rom zu bringen, so
würde das Kind auf den Stufen des großen Altars der Peterskirche
wieder, mit seiner schönen, frischen Haut umgeben, vor dem Volke
dastehn. Es werde mit seinen eignen Augen wieder Vater und Mutter
schauen, und der Papst, von der Einstimmung Gottes und seiner Heiligen
überzeugt, werde unter dem lauten Zuruf des Volks den Eltern die Sünde
vergeben, sie lossprechen und sie verbinden.
Nun waren ihre Augen und ihre Sorgfalt immer nach dem See und dem Ufer
gerichtet. Wenn nachts im Mondglanz sich die Wellen umschlugen,
glaubte sie, jeder blinkende Saum treibe ihr Kind hervor; es mußte zum
Scheine jemand hinablaufen, um es am Ufer aufzufangen.
So war sie auch des Tages unermüdet an den Stellen, wo das kiesige
Ufer flach in die See ging; sie sammelte in ein Körbchen alle Knochen,
die sie fand. Niemand durfte ihr sagen, daß es Tierknochen seien; die
großen begrub sie, die kleinen hub sie auf. In dieser Beschäftigung
lebte sie unablässig fort. Der Geistliche, der durch die unerläßliche
Ausübung seiner Pflicht ihren Zustand verursacht hatte, nahm sich auch
ihrer nun aus allen Kräften an. Durch seinen Einfluß ward sie in der
Gegend für eine Entzückte, nicht für eine Verrückte gehalten; man
stand mit gefalteten Händen, wenn sie vorbeiging, und die Kinder
küßten ihr die Hand.
Ihrer alten Freundin und Begleiterin war von dem Beichtvater die
Schuld, die sie bei der unglücklichen Verbindung beider Personen
gehabt haben mochte, nur unter der Bedingung erlassen, daß sie
unablässig treu ihr ganzes künftiges Leben die Unglückliche begleiten
solle, und sie hat mit einer bewundernswürdigen Geduld und
Gewissenhaftigkeit ihre Pflichten bis zuletzt ausgeübt.
Wir hatten unterdessen unsern Bruder nicht aus den Augen verloren;
weder die ärzte noch die Geistlichkeit seines Klosters wollten uns
erlauben, vor ihm zu erscheinen; allein um uns zu überzeugen, daß es
ihm nach seiner Art wohl gehe, konnten wir ihn, sooft wir wollten, in
dem Garten, in den Kreuzgängen, ja durch ein Fenster an der Decke
seines Zimmers belauschen.
Nach vielen schrecklichen und sonderbaren Epochen, die ich übergehe,
war er in einen seltsamen Zustand der Ruhe des Geistes und der Unruhe
des Körpers geraten. Er saß fast niemals, als wenn er seine Harfe
nahm und darauf spielte, da er sie denn meistens mit Gesang begleitete.
übrigens war er immer in Bewegung und in allem äußerst lenksam und
folgsam, denn alle seine Leidenschaften schienen sich in der einzigen
Furcht des Todes aufgelöst zu haben. Man konnte ihn zu allem in der
Welt bewegen, wenn man ihm mit einer gefährlichen Krankheit oder mit
dem Tode drohte.
Außer dieser Sonderbarkeit, daß er unermüdet im Kloster hin und her
ging und nicht undeutlich zu verstehen gab, daß es noch besser sein
würde, über Berg und Täler so zu wandeln, sprach er auch von einer
Erscheinung, die ihn gewöhnlich ängstigte. Er behauptete nämlich, daß
bei seinem Erwachen zu jeder Stunde der Nacht ein schöner Knabe unten
an seinem Bette stehe und ihm mit einem blanken Messer drohe. Man
versetzte ihn in ein anderes Zimmer, allein er behauptete, auch da und
zuletzt sogar an andern Stellen des Klosters stehe der Knabe im
Hinterhalt. Sein Auf- und Abwandeln ward unruhiger, ja man erinnerte
sich nachher, daß er in der Zeit öfter als sonst an dem Fenster
gestanden und über den See hinübergesehen habe.
Unsere arme Schwester indessen schien von dem einzigen Gedanken, von
der beschränkten Beschäftigung nach und nach aufgerieben zu werden,
und unser Arzt schlug vor, man sollte ihr nach und nach unter ihre
übrigen Gebeine die Knochen eines Kinderskeletts mischen, um dadurch
ihre Hoffnung zu vermehren. Der Versuch war zweifelhaft, doch schien
wenigstens so viel dabei gewonnen, daß man sie, wenn alle Teile
beisammen wären, von dem ewigen Suchen abbringen und ihr zu einer
Reise nach Rom Hoffnung machen könnte.
Es geschah, und ihre Begleiterin vertauschte unmerklich die ihr
anvertrauten kleinen Reste mit den gefundenen, und eine unglaubliche
Wonne verbreitete sich über die arme Kranke, als die Teile sich nach
und nach zusammenfanden und man diejenigen bezeichnen konnte, die noch
fehlten. Sie hatte mit großer Sorgfalt jeden Teil, wo er hingehörte,
mit Fäden und Bändern befestigt; sie hatte, wie man die Körper der
Heiligen zu ehren pflegt, mit Seide und Stickerei die Zwischenräume
ausgefüllt.
So hatte man die Glieder zusammenkommen lassen, es fehlten nur wenige
der äußeren Enden. Eines Morgens, als sie noch schlief und der
Medikus gekommen war, nach ihrem Befinden zu fragen, nahm die Alte die
verehrten Reste aus dem Kästchen weg, das in der Schlafkammer stand,
um dem Arzte zu zeigen, wie sich die gute Kranke beschäftige. Kurz
darauf hörte man sie aus dem Bette springen, sie hob das Tuch auf und
fand das Kästchen leer. Sie warf sich auf ihre Knie; man kam und
hörte ihr freudiges, inbrünstiges Gebet. "Ja! es ist wahr!" rief sie
aus, "es war kein Traum, es ist wirklich! Freuet euch, meine Freunde,
mit mir! Ich habe das gute, schöne Geschöpf wieder lebendig gesehen.
Es stand auf und warf den Schleier von sich, sein Glanz erleuchtete
das Zimmer, seine Schönheit war verklärt, es konnte den Boden nicht
betreten, ob es gleich wollte. Leicht ward es emporgehoben und konnte
mir nicht einmal seine Hand reichen. Da rief es mich zu sich und
zeigte mir den Weg, den ich gehen soll. Ich werde ihm folgen, und
bald folgen, ich fühl es, und es wird mir so leicht ums Herz. Mein
Kummer ist verschwunden, und schon das Anschauen meines
Wiederauferstandenen hat mir einen Vorschmack der himmlischen Freude
gegeben."
Von der Zeit an war ihr ganzes Gemüt mit den heitersten Aussichten
beschäftigt, auf keinen irdischen Gegenstand richtete sie ihre
Aufmerksamkeit mehr, sie genoß nur wenige Speisen, und ihr Geist
machte sich nach und nach von den Banden des Körpers los. Auch fand
man sie zuletzt unvermutet erblaßt und ohne Empfindung, sie öffnete
die Augen nicht wieder, sie war, was wir tot nennen.
Der Ruf ihrer Vision hatte sich bald unter das Volk verbreitet, und
das ehrwürdige Ansehn, das sie in ihrem Leben genoß, verwandelte sich
nach ihrem Tode schnell in den Gedanken, daß man sie sogleich für
selig, ja für heilig halten müsse.
Als man sie zu Grabe bestatten wollte, drängten sich viele Menschen
mit unglaublicher Heftigkeit hinzu, man wollte ihre Hand, man wollte
wenigstens ihr Kleid berühren. In dieser leidenschaftlichen Erhöhung
fühlten verschiedene Kranke die übel nicht, von denen sie sonst
gequält wurden, sie hielten sich für geheilt, sie bekannten's, sie
priesen Gott und seine neue Heilige. Die Geistlichkeit war genötigt,
den Körper in eine Kapelle zu stellen, das Volk verlangte Gelegenheit,
seine Andacht zu verrichten, der Zudrang war unglaublich; die
Bergbewohner, die ohnedies zu lebhaften religiösen Gefühlen gestimmt
sind, drangen aus ihren Tälern herbei; die Andacht, die Wunder, die
Anbetung vermehrten sich mit jedem Tage. Die bischöflichen
Verordnungen, die einen solchen neuen Dienst einschränken und nach und
nach niederschlagen sollten, konnten nicht zur Ausführung gebracht
werden; bei jedem Widerstand war das Volk heftig und gegen jeden
Ungläubigen bereit, in Tätlichkeiten auszubrechen. "Wandelte nicht
auch", riefen sie, "der heilige Borromäus unter unsern Vorfahren?
Erlebte seine Mutter nicht die Wonne seiner Seligsprechung? Hat man
nicht durch jenes große Bildnis auf dem Felsen bei Arona uns seine
geistige Größe sinnlich vergegenwärtigen wollen? Leben die Seinigen
nicht noch unter uns? Und hat Gott nicht zugesagt, unter einem
gläubigen Volke seine Wunder stets zu erneuern?"
Als der Körper nach einigen Tagen keine Zeichen der Fäulnis von sich
gab und eher weißer und gleichsam durchsichtig ward, erhöhte sich das
Zutrauen der Menschen immer mehr, und es zeigten sich unter der Menge
verschiedene Kuren, die der aufmerksame Beobachter selbst nicht
erklären und auch nicht geradezu als Betrug ansprechen konnte. Die
ganze Gegend war in Bewegung, und wer nicht selbst kam, hörte
wenigstens eine Zeitlang von nichts anderem reden.
Das Kloster, worin mein Bruder sich befand, erscholl so gut als die
übrige Gegend von diesen Wundern, und man nahm sich um so weniger in
acht, in seiner Gegenwart davon zu sprechen, als er sonst auf nichts
aufzumerken pflegte und sein Verhältnis niemanden bekannt war.
Diesmal schien er aber mit großer Genauigkeit gehört zu haben; er
führte seine Flucht mit solcher Schlauheit aus, daß niemals jemand hat
begreifen können, wie er aus dem Kloster herausgekommen sei. Man
erfuhr nachher, daß er sich mit einer Anzahl Wallfahrer übersetzen
lassen und daß er die Schiffer, die weiter nichts Verkehrtes an ihm
wahrnahmen, nur um die größte Sorgfalt gebeten, daß das Schiff nicht
umschlagen möchte. Tief in der Nacht kam er in jene Kapelle, wo seine
unglückliche Geliebte von ihrem Leiden ausruhte; nur wenig Andächtige
knieten in den Winkeln, ihre alte Freundin saß zu ihren Häupten, er
trat hinzu und grüßte sie und fragte, wie sich ihre Gebieterin befände.
"Ihr seht es", versetzte diese nicht ohne Verlegenheit. Er blickte
den Leichnam nur von der Seite an. Nach einigem Zaudern nahm er ihre
Hand. Erschreckt von der Kälte, ließ er sie sogleich wieder fahren,
er sah sich unruhig um und sagte zu der Alten: "Ich kann jetzt nicht
bei ihr bleiben, ich habe noch einen sehr weiten Weg zu machen, ich
will aber zur rechten Zeit schon wieder dasein; sag ihr das, wenn sie
aufwacht."
So ging er hinweg, wir wurden nur spät von diesem Vorgange
benachrichtigt, man forschte nach, wo er hingekommen sei, aber
vergebens! Wie er sich durch Berge und Täler durchgearbeitet haben
mag, ist unbegreiflich. Endlich nach langer Zeit fanden wir in
Graubünden eine Spur von ihm wieder, allein zu spät, und sie verlor
sich bald. Wir vermuteten, daß er nach Deutschland sei, allein der
Krieg hatte solche schwache Fußtapfen gänzlich verwischt."
VIII. Buch, 10. Kapitel--1
Zehntes Kapitel
Der Abbe hörte zu lesen auf, und niemand hatte ohne Tränen zugehört.
Die Gräfin brachte ihr Tuch nicht von den Augen; zuletzt stand sie auf
und verließ mit Natalien das Zimmer. Die übrigen schwiegen, und der
Abbe sprach: "Es entsteht nun die Frage, ob man den guten Marchese
soll abreisen lassen, ohne ihm unser Geheimnis zu entdecken. Denn wer
zweifelt wohl einen Augenblick daran, daß Augustin und unser
Harfenspieler eine Person sei? Es ist zu überlegen, was wir tun,
sowohl um des unglücklichen Mannes als der Familie willen. Mein Rat
wäre, nichts zu übereilen, abzuwarten, was uns der Arzt, den wir eben
von dort zurückerwarten, für Nachrichten bringt."
Jedermann war derselben Meinung, und der Abbe fuhr fort: "Eine andere
Frage, die vielleicht schneller abzutun ist, entsteht zu gleicher Zeit.
Der Marchese ist unglaublich gerührt über die Gastfreundschaft, die
seine arme Nichte bei uns, besonders bei unserm jungen Freunde,
gefunden hat. Ich habe ihm die ganze Geschichte umständlich, ja
wiederholt erzählen müssen, und er zeigte seine lebhafteste
Dankbarkeit. "Der junge Mann", sagte er, "hat ausgeschlagen, mit mir
zu reisen, ehe er das Verhältnis kannte, das unter uns besteht. Ich
bin ihm nun kein Fremder mehr, von dessen Art zu sein und von dessen
Laune er etwa nicht gewiß wäre; ich bin sein Verbundener, wenn Sie
wollen sein Verwandter, und da sein Knabe, den er nicht zurücklassen
wollte, erst das Hindernis war, das ihn abhielt, sich zu mir zu
gesellen, so lassen Sie jetzt dieses Kind zum schönern Bande werden,
das uns nur desto fester aneinanderknüpft. über die Verbindlichkeit,
die ich nun schon habe, sei er mir noch auf der Reise nützlich, er
kehre mit mir zurück, mein älterer Bruder wird ihn mit Freuden
empfangen, er verschmähe die Erbschaft seines Pflegekindes nicht: denn
nach einer geheimen Abrede unseres Vaters mit seinem Freunde ist das
Vermögen, das er seiner Tochter zugewendet hatte, wieder an uns
zurückgefallen, und wir wollen dem Wohltäter unserer Nichte gewiß das
nicht vorenthalten, was er verdient hat.""
Therese nahm Wilhelmen bei der Hand und sagte: "Wir erleben abermals
hier so einen schönen Fall, daß uneigennütziges Wohltun die höchsten
und schönsten Zinsen bringt. Folgen Sie diesem sonderbaren Ruf, und
indem Sie sich um den Marchese doppelt verdient machen, eilen Sie
einem schönen Land entgegen, das Ihre Einbildungskraft und Ihr Herz
mehr als einmal an sich gezogen hat."
"Ich überlasse mich ganz meinen Freunden und ihrer Führung", sagte
Wilhelm; "es ist vergebens, in dieser Welt nach eigenem Willen zu
streben. Was ich festzuhalten wünschte, muß ich fahrenlassen, und
eine unverdiente Wohltat drängt sich mir auf."
Mit einem Druck auf Theresens Hand machte Wilhelm die seinige los.
"Ich überlasse Ihnen ganz", sagte er zu dem Abbe, "was Sie über mich
beschließen; wenn ich meinen Felix nicht von mir zu lassen brauche, so
bin ich zufrieden, überall hinzugehn und alles, was man für recht hält,
zu unternehmen."
Auf diese Erklärung entwarf der Abbe sogleich seinen Plan: man solle,
sagte er, den Marchese abreisen lassen; Wilhelm solle die Nachricht
des Arztes abwarten, und alsdann, wenn man überlegt habe, was zu tun
sei, könne Wilhelm mit Felix nachreisen. So bedeutete er auch den
Marchese unter einem Vorwand, daß die Einrichtungen des jungen
Freundes zur Reise ihn nicht abhalten müßten, die Merkwürdigkeiten der
Stadt indessen zu besehn. Der Marchese ging ab, nicht ohne
wiederholte lebhafte Versicherung seiner Dankbarkeit, wovon die
Geschenke, die er zurückließ und die aus Juwelen, geschnittenen
Steinen und gestickten Stoffen bestanden, einen genugsamen Beweis
gaben.
Wilhelm war nun auch völlig reisefertig, und man war um so mehr
verlegen, daß keine Nachrichten von dem Arzt kommen wollten; man
befürchtete, dem armen Harfenspieler möchte ein Unglück begegnet sein,
zu ebender Zeit, als man hoffen konnte, ihn durchaus in einen bessern
Zustand zu versetzen. Man schickte den Kurier fort, der kaum
weggeritten war, als am Abend der Arzt mit einem Fremden hereintrat,
dessen Gestalt und Wesen bedeutend, ernsthaft und auffallend war und
den niemand kannte. Beide Ankömmlinge schwiegen eine Zeitlang still;
endlich ging der Fremde auf Wilhelmen zu, reichte ihm die Hand und
sagte: "Kennen Sie Ihren alten Freund nicht mehr?" Es war die Stimme
des Harfenspielers, aber von seiner Gestalt schien keine Spur
übriggeblieben zu sein. Er war in der gewöhnlichen Tracht eines
Reisenden, reinlich und anständig gekleidet, sein Bart war
verschwunden, seinen Locken sah man einige Kunst an, und was ihn
eigentlich ganz unkenntlich machte, war, daß an seinem bedeutenden
Gesichte die Züge des Alters nicht mehr erschienen. Wilhelm umarmte
ihn mit der lebhaftesten Freude; er ward den andern vorgestellt und
betrug sich sehr vernünftig und wußte nicht, wie bekannt er der
Gesellschaft noch vor kurzem geworden war. "Sie werden Geduld mit
einem Menschen haben", fuhr er mit großer Gelassenheit fort, "der, so
erwachsen er auch aussieht, nach einem langen Leiden erst wie ein
unerfahrnes Kind in die Welt tritt. Diesem wackren Mann bin ich
schuldig, daß ich wieder in einer menschlichen Gesellschaft erscheinen
kann."
Man hieß ihn willkommen, und der Arzt veranlaßte sogleich einen
Spaziergang, um das Gespräch abzubrechen und ins Gleichgültige zu
lenken.
Als man allein war, gab der Arzt folgende Erklärung: "Die Genesung
dieses Mannes ist uns durch den sonderbarsten Zufall geglückt. Wir
hatten ihn lange nach unserer überzeugung moralisch und physisch
behandelt, es ging auch bis auf einen gewissen Grad ganz gut, allein
die Todesfurcht war noch immer groß bei ihm, und seinen Bart und sein
langes Kleid wollte er uns nicht aufopfern; übrigens nahm er mehr teil
an den weltlichen Dingen, und seine Gesänge schienen wie seine
Vorstellungsart wieder dem Leben sich zu nähern. Sie wissen, welch
ein sonderbarer Brief des Geistlichen mich von hier abrief. Ich kam,
ich fand unsern Mann ganz verändert, er hatte freiwillig seinen Bart
hergegeben, er hatte erlaubt, seine Locken in eine hergebrachte Form
zuzuschneiden, er verlangte gewöhnliche Kleider und schien auf einmal
ein anderer Mensch geworden zu sein. Wir waren neugierig, die Ursache
dieser Verwandlung zu ergründen, und wagten doch nicht, uns mit ihm
selbst darüber einzulassen; endlich entdeckten wir zufällig die
sonderbare Bewandtnis. Ein Glas flüssiges Opium fehlte in der
Hausapotheke des Geistlichen, man hielt für nötig, die strengste
Untersuchung anzustellen, jedermann suchte sich des Verdachtes zu
erwehren, es gab unter den Hausgenossen heftige Szenen. Endlich trat
dieser Mann auf und gestand, daß er es besitze; man fragte ihn, ob er
davon genommen habe. Er sagte nein, fuhr aber fort: "Ich danke diesem
Besitz die Wiederkehr meiner Vernunft. Es hängt von euch ab, mir
dieses Fläschchen zu nehmen, und ihr werdet mich ohne Hoffnung in
meinen alten Zustand wieder zurückfallen sehen. Das Gefühl, daß es
wünschenswert sei, die Leiden dieser Erde durch den Tod geendigt zu
sehen, brachte mich zuerst auf den Weg der Genesung; bald darauf
entstand der Gedanke, sie durch einen freiwilligen Tod zu endigen, und
ich nahm in dieser Absicht das Glas hinweg; die Möglichkeit, sogleich
die großen Schmerzen auf ewig aufzuheben, gab mir Kraft, die Schmerzen
zu ertragen, und so habe ich, seitdem ich den Talisman besitze, mich
durch die Nähe des Todes wieder in das Leben zurückgedrängt. Sorgt
nicht", sagte er, "daß ich Gebrauch davon mache, sondern entschließt
euch, als Kenner des menschlichen Herzens, mich, indem ihr mir die
Unabhängigkeit vom Leben zugesteht, erst vom Leben recht abhängig zu
machen." Nach reiflicher überlegung drangen wir nicht weiter in ihn,
und er führt nun in einem festen, geschliffnen Glasfläschchen dieses
Gift als das sonderbarste Gegengift bei sich."
Man unterrichtete den Arzt von allem, was indessen entdeckt worden war,
und man beschloß, gegen Augustin das tiefste Stillschweigen zu
beobachten. Der Abbe nahm sich vor, ihn nicht von seiner Seite zu
lassen und ihn auf dem guten Wege, den er betreten hatte, fortzufahren.
Indessen sollte Wilhelm die Reise durch Deutschland mit dem Marchese
vollenden. Schien es möglich, Augustinen eine Neigung zu seinem
Vaterlande wieder einzuflößen, so wollte man seinen Verwandten den
Zustand entdecken, und Wilhelm sollte ihn den Seinigen wieder zuführen.
Dieser hatte nun alle Anstalten zu seiner Reise gemacht, und wenn es
im Anfang wunderbar schien, daß Augustin sich freute, als er vernahm,
wie sein alter Freund und Wohltäter sich sogleich wieder entfernen
sollte, so entdeckte doch der Abbe bald den Grund dieser seltsamen
Gemütsbewegung. Augustin konnte seine alte Furcht, die er vor Felix
hatte, nicht überwinden und wünschte den Knaben je eher je lieber
entfernt zu sehen.
Nun waren nach und nach so viele Menschen angekommen, daß man sie im
Schloß und in den Seitengebäuden kaum alle unterbringen konnte, um so
mehr, als man nicht gleich anfangs auf den Empfang so vieler Gäste die
Einrichtung gemacht hatte. Man frühstückte, man speiste zusammen und
hätte sich gern beredet, man lebe in einer vergnüglichen
übereinstimmung, wenn schon in der Stille die Gemüter sich
gewissermaßen auseinandersehnten. Therese war manchmal mit Lothario,
noch öfter allein ausgeritten, sie hatte in der Nachbarschaft schon
alle Landwirte und Landwirtinnen kennenlernen; es war ihr
Haushaltungsprinzip, und sie mochte nicht unrecht haben, daß man mit
Nachbarn und Nachbarinnen im besten Vernehmen und immer in einem
ewigen Gefälligkeitswechsel stehen müsse. Von einer Verbindung
zwischen ihr und Lothario schien gar die Rede nicht zu sein, die
beiden Schwestern hatten sich viel zu sagen, der Abbe schien den
Umgang des Harfenspielers zu suchen, Jarno hatte mit dem Arzt öftere
Konferenzen, Friedrich hielt sich an Wilhelmen, und Felix war überall,
wo es ihm gut ging. So vereinigten sich auch meistenteils die Paare
auf dem Spaziergang, indem die Gesellschaft sich trennte, und wenn sie
zusammen sein mußten, so nahm man geschwind seine Zuflucht zur Musik,
um alle zu verbinden, indem man jeden sich selbst wiedergab.
Unversehens vermehrte der Graf die Gesellschaft, seine Gemahlin
abzuholen und, wie es schien, einen feierlichen Abschied von seinen
weltlichen Verwandten zu nehmen. Jarno eilte ihm bis an den Wagen
entgegen, und als der Ankommende fragte, was er für Gesellschaft finde,
so sagte jener in einem Anfall von toller Laune, die ihn immer
ergriff, sobald er den Grafen gewahr ward: "Sie finden den ganzen Adel
der Welt beisammen, Marchesen, Marquis, Mylords und Baronen, es hat
nur noch an einem Grafen gefehlt." So ging man die Treppe hinauf, und
Wilhelm war die erste Person, die ihm im Vorsaal entgegenkam. "Mylord!"
sagte der Graf zu ihm auf Französisch, nachdem er ihn einen
Augenblick betrachtet hatte, "ich freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft
unvermutet zu erneuern; denn ich müßte mich sehr irren, wenn ich Sie
nicht im Gefolge des Prinzen sollte in meinem Schlosse gesehen haben.
"--"Ich hatte das Glück, Euer Exzellenz damals aufzuwarten", versetzte
Wilhelm, "nur erzeigen Sie mir zuviel Ehre, wenn Sie mich für einen
Engländer, und zwar vom ersten Range halten; ich bin ein Deutscher,
und"--"zwar ein sehr braver junger Mann", fiel Jarno sogleich ein.
Der Graf sah Wilhelmen lächelnd an und wollte eben etwas erwidern, als
die übrige Gesellschaft herbeikam und ihn aufs freundlichste begrüßte.
Man entschuldigte sich, daß man ihm nicht sogleich ein anständiges
Zimmer anweisen könne, und versprach, den nötigen Raum ungesäumt zu
verschaffen.
"Ei ei!" sagte er lächelnd, "ich sehe wohl, daß man dem Zufalle
überlassen hat, den Furierzettel zu machen; mit Vorsicht und
Einrichtung, wie viel ist da nicht möglich! Jetzt bitte ich euch,
rührt mir keinen Pantoffel vom Platze, denn sonst, seh ich wohl, gibt
es eine große Unordnung. Jedermann wird unbequem wohnen, und das soll
niemand um meinetwillen womöglich auch nur eine Stunde. Sie waren
Zeuge", sagte er zu Jarno, "und auch Sie, Mister", indem er sich zu
Wilhelmen wandte, "wie viele Menschen ich damals auf meinem Schlosse
bequem untergebracht habe. Man gebe mir die Liste der Personen und
Bedienten, man zeige mir an, wie jedermann gegenwärtig einquartiert
ist, ich will einen Dislokationsplan machen, daß mit der wenigsten
Bemühung jedermann eine geräumige Wohnung finde und daß noch Platz für
einen Gast bleiben soll, der sich zufälligerweise bei uns einstellen
könnte."
Jarno machte sogleich den Adjutanten des Grafen, verschaffte ihm alle
nötigen Notizen und hatte nach seiner Art den größten Spaß, wenn er
den alten Herrn mitunter irremachen konnte. Dieser gewann aber bald
einen großen Triumph. Die Einrichtung war fertig, er ließ in seiner
Gegenwart die Namen über alle Türen schreiben, und man konnte nicht
leugnen, daß mit wenig Umständen und Veränderungen der Zweck völlig
erreicht war. Auch hatte es Jarno unter anderm so geleitet, daß die
Personen, die in dem gegenwärtigen Augenblick ein Interesse aneinander
nahmen, zusammen wohnten.
Nachdem alles eingerichtet war, sagte der Graf zu Jarno: "Helfen Sie
mir auf die Spur wegen des jungen Mannes, den Sie da Meister nennen
und der ein Deutscher sein soll." Jarno schwieg still, denn er wußte
recht gut, daß der Graf einer von denen Leuten war, die, wenn sie
fragen, eigentlich belehren wollen; auch fuhr dieser, ohne Antwort
abzuwarten, in seiner Rede fort: "Sie hatten mir ihn damals
vorgestellt und im Namen des Prinzen bestens empfohlen. Wenn seine
Mutter auch eine Deutsche war, so hafte ich dafür, daß sein Vater ein
Engländer ist, und zwar von Stande; wer wollte das englische Blut
alles berechnen, das seit dreißig Jahren in deutschen Adern
herumfließt! Ich will weiter nicht darauf dringen, ihr habt immer
solche Familiengeheimnisse; doch mir wird man in solchen Fällen nichts
aufbinden." Darauf erzählte er noch verschiedenes, was damals mit
Wilhelmen auf seinem Schloß vorgegangen sein sollte, wozu Jarno
gleichfalls schwieg, obgleich der Graf ganz irrig war und Wilhelmen
mit einem jungen Engländer in des Prinzen Gefolge mehr als einmal
verwechselte. Der gute Herr hatte in frühern Zeiten ein
vortreffliches Gedächtnis gehabt und war noch immer stolz darauf, sich
der geringsten Umstände seiner Jugend erinnern zu können; nun
bestimmte er aber mit ebender Gewißheit wunderbare Kombinationen und
Fabeln als wahr, die ihm bei zunehmender Schwäche seines Gedächtnisses
seine Einbildungskraft einmal vorgespiegelt hatte. übrigens war er
sehr mild und gefällig geworden, und seine Gegenwart wirkte recht
günstig auf die Gesellschaft. Er verlangte, daß man etwas Nützliches
zusammen lesen sollte, ja sogar gab er manchmal kleine Spiele an, die
er, wo nicht mitspielte, doch mit großer Sorgfalt dirigierte, und da
man sich über seine Herablassung verwundene, sagte er: es sei die
Pflicht eines jeden, der sich in Hauptsachen von der Welt entferne,
daß er in gleichgültigen Dingen sich ihr desto mehr gleichstelle.
Wilhelm hatte unter diesen Spielen mehr als einen bänglichen und
verdrießlichen Augenblick; der leichtsinnige Friedrich ergriff manche
Gelegenheit, um auf eine Neigung Wilhelms gegen Natalien zu deuten.
Wie konnte er darauf fallen? wodurch war er dazu berechtigt? Und
mußte nicht die Gesellschaft glauben, daß, weil beide viel miteinander
umgingen, Wilhelm ihm eine so unvorsichtige und unglückliche Konfidenz
gemacht habe?
Eines Tages waren sie bei einem solchen Scherze heiterer als
gewöhnlich, als Augustin auf einmal zur Türe, die er aufriß, mit
gräßlicher Gebärde hereinstürzte; sein Angesicht war blaß, sein Auge
wild, er schien reden zu wollen, die Sprache versagte ihm. Die
Gesellschaft entsetzte sich, Lothario und Jarno, die eine Rückkehr des
Wahnsinns vermuteten, sprangen auf ihn los und hielten ihn fest.
Stotternd und dumpf, dann heftig und gewaltsam sprach und rief er:
"Nicht mich haltet, eilt! helft! rettet das Kind! Felix ist vergiftet!"
Sie ließen ihn los, er eilte zur Türe hinaus, und voll Entsetzen
drängte sich die Gesellschaft ihm nach. Man rief nach dem Arzte,
Augustin richtete seine Schritte nach dem Zimmer des Abbes, man fand
das Kind, das erschrocken und verlegen schien, als man ihm schon von
weitem zurief: "was hast du angefangen?"
"Lieber Vater!" rief Felix, "ich habe nicht aus der Flasche, ich habe
aus dem Glase getrunken, ich war so durstig."
Augustin schlug die Hände zusammen, rief: "Er ist verloren!", drängte
sich durch die Umstehenden und eilte davon.
Sie fanden ein Glas Mandelmilch auf dem Tische stehen und eine
Karaffine darneben, die über die Hälfte leer war; der Arzt kam, er
erfuhr, was man wußte, und sah mit Entsetzen das wohlbekannte
Fläschchen, worin sich das flüssige Opium befunden hatte, leer auf dem
Tische liegen; er ließ Essig herbeischaffen und rief alle Mittel
seiner Kunst zu Hülfe.
Natalie ließ den Knaben in ein Zimmer bringen, sie bemühte sich
ängstlich um ihn. Der Abbe war fortgerannt, Augustinen aufzusuchen
und einige Aufklärungen von ihm zu erdringen. Ebenso hatte sich der
unglückliche Vater vergebens bemüht und fand, als er zurückkam, auf
allen Gesichtern Bangigkeit und Sorge. Der Arzt hatte indessen die
Mandelmilch im Glase untersucht, es entdeckte sich die stärkste
Beimischung von Opium; das Kind lag auf dem Ruhebette und schien sehr
krank, es bat den Vater, daß man ihm nur nichts mehr einschütten, daß
man es nur nicht mehr quälen möchte. Lothar hatte seine Leute
ausgeschickt und war selbst weggeritten, um der Flucht Augustins auf
die Spur zu kommen. Natalie saß bei dem Kinde, es flüchtete auf ihren
Schoß und bat sie flehentlich um Schutz, flehentlich um ein Stückchen
Zucker, der Essig sei gar zu sauer! Der Arzt gab es zu; man müsse das
Kind, das in der entsetzlichsten Bewegung war, einen Augenblick ruhen
lassen, sagte er; es sei alles Rätliche geschehen, er wolle das
mögliche tun. Der Graf trat mit einigem Unwillen, wie es schien,
herbei, er sah ernst, ja feierlich aus, legte die Hände auf das Kind,
blickte gen Himmel und blieb einige Augenblicke in dieser Stellung.
Wilhelm, der trostlos in einem Sessel lag, sprang auf, warf einen
Blick voll Verzweiflung auf Natalien und ging zur Türe hinaus.
Kurz darauf verließ auch der Graf das Zimmer.
VIII. Buch, 10. Kapitel--2
"Ich begreife nicht", sagte der Arzt nach einiger Pause, "daß sich
auch nicht die geringste Spur eines gefährlichen Zustandes am Kinde
zeigt. Auch nur mit einem Schluck muß es eine ungeheure Dosis Opium
zu sich genommen haben, und nun finde ich an seinem Pulse keine
weitere Bewegung, als die ich meinen Mitteln und der Furcht
zuschreiben kann, in die wir das Kind versetzt haben."
Bald darauf trat Jarno mit der Nachricht herein, daß man Augustin auf
dem Oberboden in seinem Blute gefunden habe, ein Schermesser habe
neben ihm gelegen, wahrscheinlich habe er sich die Kehle abgeschnitten.
Der Arzt eilte fort und begegnete den Leuten, welche den Körper die
Treppe herunterbrachten. Er ward auf ein Bett gelegt und genau
untersucht; der Schnitt war in die Luftröhre gegangen, auf einen
starken Blutverlust war eine Ohnmacht gefolgt, doch ließ sich bald
bemerken, daß noch Leben, daß noch Hoffnung übrig sei. Der Arzt
brachte den Körper in die rechte Lage, fügte die getrennten Teile
zusammen und legte den Verband auf. Die Nacht ging allen schlaflos
und sorgenvoll vorüber. Das Kind wollte sich nicht von Natalien
trennen lassen. Wilhelm saß vor ihr auf einem Schemel; er hatte die
Füße des Knaben auf seinem Schoße, Kopf und Brust lagen auf dem
ihrigen, so teilten sie die angenehme Last und die schmerzlichen
Sorgen und verharrten, bis der Tag anbrach, in der unbequemen und
traurigen Lage; Natalie hatte Wilhelmen ihre Hand gegeben, sie
sprachen kein Wort, sahen auf das Kind und sahen einander an.
Lothario und Jarno saßen am andern Ende des Zimmers und führten ein
sehr bedeutendes Gespräch, das wir gern, wenn uns die Begebenheiten
nicht zu sehr drängten, unsern Lesern hier mitteilen würden. Der
Knabe schlief sanft, erwachte am frühen Morgen ganz heiter, sprang auf
und verlangte ein Butterbrot.
Sobald Augustin sich einigermaßen erholt hatte, suchte man einige
Aufklärung von ihm zu erhalten. Man erfuhr nicht ohne Mühe und nur
nach und nach: daß, als er bei der unglücklichen Dislokation des
Grafen in ein Zimmer mit dem Abbe versetzt worden, er das Manuskript
und darin seine Geschichte gefunden habe; sein Entsetzen sei
ohnegleichen gewesen, und er habe sich nun überzeugt, daß er nicht
länger leben dürfe; sogleich habe er seine gewöhnliche Zuflucht zum
Opium genommen, habe es in ein Glas Mandelmilch geschüttet und habe
doch, als er es an den Mund gesetzt, geschaudert; darauf habe er es
stehenlassen, um nochmals durch den Garten zu laufen und die Welt zu
sehen; bei seiner Zurückkunft habe er das Kind gefunden, eben
beschäftigt, das Glas, woraus es getrunken, wieder vollzugießen.
Man bat den Unglücklichen, ruhig zu sein; er faßte Wilhelmen
krampfhaft bei der Hand. "Ach!" sagte er, "warum habe ich dich nicht
längst verlassen, ich wußte wohl, daß ich den Knaben töten würde und
er mich."--"Der Knabe lebt!" sagte Wilhelm. Der Arzt, der aufmerksam
zugehört hatte, fragte Augustinen, ob alles Getränke vergiftet gewesen.
"Nein!" versetzte er, "nur das Glas."--"So hat durch den
glücklichsten Zufall", rief der Arzt, "das Kind aus der Flasche
getrunken! Ein guter Genius hat seine Hand geführt, daß es nicht nach
dem Tode griff, der so nahe zubereitet stand!"--"Nein! nein!" rief
Wilhelm mit einem Schrei, indem er die Hände vor die Augen hielt, "wie
fürchterlich ist diese Aussage! Ausdrücklich sagte das Kind, daß es
nicht aus der Flasche, sondern aus dem Glase getrunken habe. Seine
Gesundheit ist nur ein Schein, es wird uns unter den Händen wegsterben."
Er eilte fort, der Arzt ging hinunter und fragte, indem er das Kind
liebkoste: "Nicht wahr, Felix, du hast aus der Flasche getrunken und
nicht aus dem Glase?" Das Kind fing an zu weinen. Der Arzt erzählte
Natalien im stillen, wie sich die Sache verhalte; auch sie bemühte
sich vergebens, die Wahrheit von dem Kinde zu erfahren; es weinte nur
heftiger und so lange, bis es einschlief.
Wilhelm wachte bei ihm, die Nacht verging ruhig. Den andern Morgen
fand man Augustinen tot in seinem Bette; er hatte die Aufmerksamkeit
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